Hans-Dieter Nahme - Ein Deutscher im 20. Jahrhundert
Hans-Dieter Nahme - Ein Deutscher im 20. Jahrhundert   

Ein Deutscher im 20. Jahrhundert

II. Teil Faszinosum und Inferno / Die Hitlerdiktatur

1. Zwischen Hoffnung und Sorge
Der 30. Januar 1933 und das erste Kabinett Hitler – der Reichstagsbrand, Hitler festigt seine Macht - der „Stahlhelm“-Tag in Hannover 1933 – nationaler Sozialismus – der sogenannte Röhmputsch, Ermordung Schleichers, Hindenburgs Tod, „Der Führer“
 
2. Erfolge, Triumphe - und alles in Frieden
1935: Saarland, Wehrhoheit - die „Nürnberger Gesetze“ 1936: Wilhelm Gustloff – olympische Winterspiele - Wiederbesetzung des Rheinlands – olympische Sommerspiele – Beginn des spanischen Bürgerkrieges – „wo gehobelt wird, fallen Späne“ – Abdankung Eduard VIII. 1937: Rituale – Panzerschiff „Deutschland“ in Ibiza – Luftschiff „Hindenburg“ in Lakehurst – Stalins Schauprozesse 1938: Affairen Blomberg und Fritsch – der Anschluss Österreichs – Sudetenland – Gedanken über Hitlers Erfolge – General Becks Putschplan
 
3. Gewalt
Der 9. November 1938 - Besetzung der Tschechei
 
4. Krieg - und immer weiter Erfolge
Ausbruch des zweiten Weltkrieges - der Polenfeldzug, Kriegserklärungen von Frankreich und England - beginnender Seekrieg, erstes missglücktes Attentat, Sowjetunion greift Finnland an – Ausdehnung des Krieges auf Dänemark und Norwegen, Krieg in Frankreich und die Regierung Laval – französische Gefangene, beginnender Luftkrieg - mysteriöser Flug von Rudolf Heß - Seekrieg, Nordafrika, Balkan und Kreta - Beginn des Krieges in Russland
 
5. Finis Germaniae
Schlamm und Wintereinbruch in Russland, Staatsbegräbnisse – englisches Kommandounternehmen in St. Nazaire, „Mein Kampf“ - Stalingrad - die „Weiße Rose“ - St. Nazaire, Bombenkrieg - Rantum und der 20. Juli 1944 - Grauen, Entsetzen und Erkenntnisse - Hitlers Tod und die Kapitulation - die kurze Zeit der Regierung Dönitz, Schwerin v.Krosigk und Speer
 

Leseprobe: Der 30. Januar 1933
(Aus II.1 - Zwischen Hoffnung und Sorge)

Heute kennt man den 30. Januar 1933 als den Tag, an dem die Finsternis über Deutschland hereinbrach. Aber für viele, auch von denen, die nicht gerade jubelten, wahrscheinlich für die Mehrheit der Deutschen, war es wohl eher ein Tag der, wenn auch mit Zweifeln und Sorgen gemischten Hoffnung – Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse in Deutschland und der Stellung Deutschlands in der Welt. Die Nationalsozialisten hatten erst etwa ein Drittel der Wähler hinter sich, und selbst unter diesen gab es wohl nicht wenige, die nur meinten, man müsse es jetzt eben einmal mit Hitler versuchen. Was wirklich bevorstand, das überstieg die Vorstellungskraft bei weitem, das konnten nicht einmal die ahnen, denen schon schlimmes Unheil schwante.
 
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Leseprobe: Zum "Stahlhelm"-Tag in Hannover
(Aus II. 1 - der "Stahlhelm"-Tag in Hannover 1933)

Wer dies alles erlebt hat, muss sich in der Rückschau fragen, wie eine so eindrucksvolle und anscheinend machtvolle Bewegung sang- und klanglos in der Bedeutungslosigkeit versinken konnte. Anzeichen hätte man allerdings schon erkennen können: Der abschließende Vorbeimarsch der "Stahlhelm"-Kolonnen wurde von dem Bundesführer Seldte abgenommen, neben ihm nun der Stabschef der SA, Röhm. Düsterberg war kein Bundesführer mehr. Er hatte erklärt, unter seinen Großeltern sei ein Jude gewesen, hatte ein Ministeramt abgelehnt und sich zurückgezogen. Die vorbeimarschierenden "Stahlhelmer" trugen nun an der feldgrauen Uniform die Hakenkreuzbinde.
Hitler hatte in der Stadthalle gesagt: "Ich bin hierhergekommen, um Ihnen zu sagen, dass wir glücklich und entschlossen sind, die große Mission gemeinsam zu erfüllen und in Treue unseren Weg zu gehen." Bei Seldte hatte es sich allerdings so angehört: Wir gründen in Hannover den Stahlhelm neu als Glied unserer gemeinschaftlichen großen Bewegung" (beide Zitate nach "Der Stahlhelm - Erinnerungen und Bilder", erschienen 1933 im Stahlhelm-Verlag). Es sei das Verdienst Seldtes, die historische Stunde erkannt und unter Zurückstellung von Bedenken und Hemmungen, die sich aus der Geschichte des "Stahlhelm" ergaben, seine Eingliederung in die junge Bewegung herbeigeführt zu haben, hieß es auf der einen Seite (aaO). Seldte habe den "Stahlhelm" verraten, sagten andere. Das sagte auch mein Vater. Er war aufgebracht, als er aus der Kundgebung in der Stadthalle gekommen war. ... In einem Lexikon aus der damaligen Zeit (Der neue Brockhaus, 2. Auflage, Vierter Band 1942) findet sich folgende Anmerkung: Teils durch reaktionäre Einflüsse, teils durch übereilte Aufnahme getarnter Gegner des Nationalsozialismus geriet der Stahlhelm in eine schiefe politische Stellung; schließlich wurde er am 7. November 1935, nachdem er mit der Wiederherstellung der deutschen Wehrhoheit durch Adolf Hitler seine Aufgabe, die Tradition des alten Heeres zu hüten, erfüllt hatte, aufgelöst.
 
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Leseprobe: Zu "Arbeiterpartei
(aus II.1 - nationaler Sozialismus)

Im Winter gab es die Eintopfsonntage. Alle sollten Eintopf essen und das Ersparte für das Winterhilfswerk spenden. An den Sammlungen auf den Straßen und Plätzen beteiligte sich die ganze Prominenz - außer Hitler; der war solchen Popularitätsgesten schon entrückt. Es sollte eine große Volksgemeinschaft sein. Die Partei (NSDAP) hieß ja nicht ohne Grund "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" und sollte nationale und sozialistische Ideen in einer großen Volksbewegung miteinander verbinden. Die Partei- und nun Nationalfahne war die rote Fahne der Arbeiterbewegung und enthielt mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Grund nur noch eine Anspielung auf die Farben "schwarz-weiß-rot" des Kaiser-Reiches. ...

Wohl hatte man von einem Konzentrationslager in Dachau gehört, und man konnte ahnen, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zuging. Immerhin durften darüber (verharmlosende) Witze gemacht werden, die man in "Bunten Nachmittagen" im Radio hören konnte, und wann jemals hätte es in der Weltgeschichte Zeiten eines großen Umbruchs, Zeiten von Revolutionen gegeben, in denen alles immer mit rechten Dingen zugegangen wäre?
 
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Leseprobe: Erfolge, Triumphe - und alles in Frieden
(aus II.2 - Wiederbesetzung des Rheinlandes)

1936
Im März gab es schon wieder einen politischen Paukenschlag. In einem Vertrag von Locarno hatte Deutschland sich verpflichtet, im Rheinland keine Truppen zu unterhalten. Mit einer großen Reichstagsrede sagte Hitler sich auch von diesem Vertrage los, und schon während seiner Rede marschierten deutsche Truppen in die entmilitarisierte Zone ein. ... Das große Erlebnis war der Jubel der rheinländischen Bevölkerung, die sich nun wieder unter dem Schutz der deutschen Wehrmacht vor einem neuen französischen Einmarsch fühlte. Allerdings war das wieder ein Vertragsbruch. Aber wieder konnte man ihn als einen Schritt zur Wiederherstellung der Normalität sehen, und so wurde er in der Welt nach anfänglichen Protesten letztlich doch auch wieder akzeptiert. Hitler schien in wenigen Jahren Schlag auf Schlag alles zu gelingen, worum die Politiker der Weimarer Republik eineinhalb Jahrzehnte lang vergeblich gerungen hatten. In seiner Reichstagsrede versicherte er, Deutschland habe keinerlei territoriale Ansprüche und wolle, nachdem es innerhalb seiner Grenzen die Hoheit wiederhergestellt habe, mit seinen Nachbarn in Frieden leben.
 
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Leseprobe: Besetzung der Tschechei
(aus II.3 - Gewalt)

1939
Im Februar und März überstürzten sich schon wieder die Ereignisse. Die Tschechoslowakei wurde zerbrochen. Die Slowakei und die Karpaten-Ukraine wurden selbständig, allerdings "unter dem Schutz" und in Abhängigkeit von Deutschland. Im März schließlich unterwarf sich die Rest-Tschechei ganz dem deutschen Druck. Aus ihr wurde das deutsche " Protektorat Böhmen und Mähren". Deutsche Truppen marschierten ein. Hitler nahm in Prag eine Parade ab und zog in den Hradschin ein. Jubel und Blumen gab es nicht mehr ... und auch in Deutschland gab es keinen Jubel mehr. Was Albert Speer, der damals von einer Italienreise zurückgekehrt war, in seinen "Erinnerungen" beschreibt, entspricht auch meiner Erinnerung: In Deutschland fanden wir eine bedrückte Stimmung vor. Allgemeine Unsicherheit über die weitere Zukunft erfüllte uns alle.
 
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Leseprobe: Nach dem 20. Juli 1944
(aus II.5 - Finis Germaniae, Entsetzen und Erkenntnisse)

Irgendwann Ende 1944 oder Anfang 1945 bekam ich vier Tage Heimaturlaub wegen Bombenschadens am Elternhaus. ..... Es wurde ein Urlaub unter ständigen Fliegeralarmen, mehr als einem Dutzend. Schon auf der Hinreise wurde der Zug mehrmals gestoppt, und wir mussten mehrmals in Deckung gehen. Auf der Rückreise war es nicht anders. In Hannover gab es Tag und Nacht Alarme. Meine Eltern und Marlies haben in Hannover mehr Krieg erlebt als ich bei der Wehrmacht......
In Hannover erzählten meine Eltern und meine Schwester von einem kurzen Besuch des Berliner Rechtsanwalts Dr. Kunz. Er verteidigte auch an Freislers Volksgerichtshof. Meine Eltern kannten ihn als einen aktiven Menschen, der immer obenauf war. Nun sei er ein gebrochener Mann gewesen und habe von entsetzlichen Zuständen am Volksgerichtshof gesprochen. Frau Solf, die Witwe des letzten kaiserlichen und ersten republikanischen Außenministers 1918 ..... sei nur durch eine Intervention des japanischen Botschafters Oshima, der auf das Ansehen Solfs als früherer deutscher Botschafter in Japan hingewiesen habe, vor einem Todesurteil bewahrt worden.
Frau Solf habe zu einem Gesprächskreis um ein Fräulein von Thadden gehört, in den ein Spitzel hineingeschmuggelt worden sei. Auch ein Gesandter, Dr. Kiep, den er verteidigt habe, habe dazugehört. Frau Solf war schon im Januar 1944 verhaftet worden. Aufgrund der Intervention des japanischen Botschafters sei sie aus der Verhandlung herausgeführt und das Verfahren gegen sie abgetrennt worden. Kiep - das war der Bruder unseres unmittelbaren Nachbarn, Patenonkel meines Freundes Otto Kiep. Unser Nachbar Dr. Max Kiep war Offizier bei der Abwehr (Canaris) in Paris. Die Verhaftung seines Bruders und anderer Mitglieder des Thaddenkreises war noch vor dem 20. Juli 1944 erfolgt. Unser Nachbar war nach Berlin gereist, um sich für seinen Bruder einzusetzen. Inzwischen war das Attentat geschehen. Er traf seinen Bruder im Gefängnis mit Ketten an den Füßen und ausgekugelten Armen an. Der habe ihn gebeten, nichts mehr für ihn zu unternehmen; er könne nur noch beten, bald hingerichtet zu werden, damit die Quälerei ein Ende habe. (Zu der Zeit des Besuchs von Kunz war Frau Solf noch in Haft. Im Februar 1945 kam der Vorsitzende des Volksgerichtshofs Roland Freisler bei einem britischen Luftangriff um, und im April wurde Frau Solf angesichts der bevorstehenden Einnahme Berlins durch die sowjetischen Truppen aus dem Gefängnis entlassen.) Mit allen diesen Eindrücken fuhr ich .....

Als der Kommandant der Stadt und Festung Königsberg kapituliert hatte, nachdem sämtliche Munition verschossen war, wurde mitgeteilt, er sei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, seine Sippe werde haftbar gemacht. In unserer Batterie gab es unter den älteren Mannschaften einen mittleren Justizbeamten namens Bormann. Irgendwie kam es dazu, dass ich mit ihm oder er mit mir auf diesen Fall zu sprechen kam. Wir merkten, dass wir beide diese Anordnung für Unrecht hielten, und ich fügte hinzu, sie werde wohl hoffentlich keine Konsequenzen mehr haben. "Sie meinen also ..." sagte er, sprach es aber nicht aus. Ich sagte nur: "Ja".

(Mehr als anderthalb Jahrzehnte später bin ich Bormann noch einmal begegnet. Ich war inzwischen Rechtsanwalt geworden und hatte einen Fall vor dem Bundesverwaltungsgericht mit dem damaligen Sitz in Berlin zu verhandeln. Zu meiner Überraschung begrüßte mich Bormann. Er war dort als Justizamtmann tätig und hatte aus den Akten gesehen, dass ich kommen würde.)


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Leseprobe: Nach der Kapitulation
(aus II.5 - Finis Germaniae, Regierung Dönitz, Schwerin v.Krosigk und Speer)

Eines Tages kamen zwei britische Offiziere zur Besichtigung in unsere Batterie. Mein Batteriechef zog sich zurück. Ich empfing sie militärisch korrekt, und sie verhielten sich ebenso. Die Pistole hatte ich wieder umgeschnallt, und sie wurde mir auch belassen. Sie inspizierten die Geschütze und die Munitionslager, ohne irgendwelche Erklärungen abzugeben. Die Verabschiedung erfolgte von beiden Seiten ebenso korrekt und sachlich wie der Empfang. Es schien sich schon eine gewisse Zusammenarbeit der englischen mit den deutschen Stäben anzubahnen. Wir gewannen allmählich den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis wir zusammen mit den Engländern und den Amerikanern zur Fortsetzung des Kampfes gegen die Sowjetarmee eingesetzt werden würden
 
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