Hans-Dieter Nahme - Ein Deutscher im 20. Jahrhundert
Hans-Dieter Nahme - Ein Deutscher im 20. Jahrhundert   

Ein Deutscher im 20. Jahrhundert

IV. Teil: Deutschland nach der Wende

1. Spiegelungen der Zeit
Umformtechnik Erfurt - Emigranten in Australien - die Wehrmacht-Ausstellung
 

Leseprobe: Zur Judenverfolgung
(aus IV.1 - Spiegelungen der Zeit: Umformtechnik Erfurt)

Der jüdische Kaufmann Henry Pels hatte um 1900 die Maschinenfabrik in Erfurt gegründet. Sie war schon bis zum ersten Weltkrieg zu einem bedeutenden Unternehmen aufgestiegen. Sie blieb es auch während des Krieges und danach. Sie verfügte über Dutzende von Patenten, Niederlassungen in zahlreichen europäischen Staaten und in den USA. Pels war Vorstandsmitglied und Vorsitzender mehrerer Fachverbände und einer deutsch-russischen Gesellschaft der Maschinenbauindustrie, wurde Ehrendoktor der Technischen Hochschule Fridericiana zu Karlsruhe, der ältesten in Deutschland. Er starb im Jahre 1932, seine ebenfalls jüdische Frau kurz nach ihm. Sein einziger Sohn war als deutscher Offizier im ersten Weltkrieg gefallen. Alleinerbin war seine Tochter. Sie hatte den jüdischen Berliner Arzt Dr. Fritz Heine geheiratet, der ebenfalls Weltkriegsteilnehmer war. Im Aufsichtsrat der Erfurter Maschinenfabrik, die inzwischen eine Aktiengesellschaft geworden war, vertrat er seine Frau, die Mehrheitsgesellschafterin. ...

Der Sohn Heine konnte noch auswandern. Vater und Mutter hätten es auch gekonnt. Aber Dr. Heine fühlte sich wie viele in seiner Lage durch und durch als Deutscher und vertraute darauf, dass der nationalsozialistische Spuk bald vorübergehen werde. Auf Fotos aus dieser Zeit sind allerdings die Spuren zunehmender Bedrängnisse und Entbehrungen in den Gesichtszügen deutlich zu erkennen. Dann kam der zweite Weltkrieg. Es kam die berüchtigte Wannsee-Konferenz mit dem Beschluss über die "Endlösung der Judenfrage". Die Tochter konnte mit Hilfe des Berliner Pfarrers Gruber nach England verbracht werden. Die Eltern wurden mit dem zweiten Berliner Judentransport vom Bahnhof Grunewald aus zunächst nach Lodz verschleppt, danach irgendwann und irgendwo umgebracht. Genaueres war nicht mehr zu ermitteln. Da sie auf diese Weise das Reichsgebiet verlassen hatten, wurde - derart Perverses kann man sich gar nicht vorstellen - die Reichsfluchtsteuer erhoben und das noch verbliebenen Vermögen eingezogen. .....

Nun vertrat ich die Enkel von Henry Pels. ......

Von Hans-Joachim Heine werde ich nie die Worte vergessen, die er bei der Besichtigung des Werkes leise, fast wie zu sich selbst, sagte: "Wenn ich nicht aus jüdischer Familie wäre, gehörte das jetzt alles mir" - und nach einer kleinen Pause - "oder vielleicht wäre ich in Stalingrad gefallen". Kann man besser und knapper das ganze deutsche Elend des 20. Jahrhunderts ausdrücken?

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Leseprobe: Zur Judenverfolgung
(aus IV.1 – Spiegelungen der Zeit: Emigranten in Australien)

.....Als Kind eines jüdischen Vaters konnte er nicht Jurist werden. .... Er wanderte nach Australien aus. Nachdem er längst dort heimisch geworden war und klar wurde, dass er, seine Frau und die Kinder in Australien bleiben würden, schrieb er seinem Vater, dass er Australier werden wolle. Sein Vater verleugnete nicht, dass ihm, der sich trotz allem immer als Deutscher fühlte, das schmerzlich war, „... aber wenn Du Australier werden willst“, schrieb er, „ dann werde ein guter Australier!“ .....Um die australische Staatsangehörigkeit zu erwerben, hatte er neben der Beherrschung der englischen Sprache auch die Kenntnis der australischen Kultur und Geschichte nachweisen müssen und verlor mit der Zuerkennung der australischen Staatsangehörigkeit automatisch seine deutsche. .....Als ich ihn kennenlernte, war seine Berufstätigkeit zu Ende. Lilo und ich haben ihn und seine Familie mehrere Male in Australien besucht. Dabei bin ich mit seinem Freundeskreis bekannt geworden. Die meisten waren Emigranten, und nicht einer von ihnen wäre bei einem „normalen“ Geschichtsverlauf nach Australien gekommen. Einer, ein gebürtiger Tscheche, sagte mir gleich, er und seine Frau seien in Auschwitz gewesen. Beide hätten dort ihre Ehepartner verloren. Ich geriet, wie ich gestehen muss, in Verlegenheit und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Aber er klärte die Situation schnell. Wir haben uns angefreundet, wie es auch mit den anderen Freunden von U. E. geschah .....

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