Hans-Dieter Nahme - Ein Deutscher im 20. Jahrhundert
Hans-Dieter Nahme - Ein Deutscher im 20. Jahrhundert   

Zusammengeschnittene Auszüge

I. Teil: Aufbruch und Scheitern
Kapitel: "Es braust ein Ruf wie Donnerhall"

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Rund ein Viertel des 20. Jahrhunderts war schon vergangen, als mein Lebenslauf begann. Aber davon bin ich noch ein bisschen mit geprägt. Ich habe viel darüber gelesen - Erzählungen, Lebens- und Kriegsbeschreibungen, Romane und historische Darstellungen. Vor allem habe ich viel aus persönlichen Schilderungen erfahren. Die Menschen, unter denen ich aufwuchs, kamen ja alle aus dieser Zeit, die erst wenige Jahre zurück lag.

Meine Mutter war im ersten Jahr des Jahrhunderts geboren. Zur Domäne Wendershausen gehörte bis in die 1920er Jahre auch die Burg Ludwigstein, und die ersten Ehrbeckpächter hatten 100 Jahre zuvor dort auch noch gewohnt. Auf der anderen Seite der Werra lag das Dorf Werleshausen im damals schon preußischen Thüringen, dahinter hoch oben die Burg Hanstein. Kaiser Wilhelm II. besuchte sie des öfteren, und meine Mutter hat dabei der Kaiserin Blumen überreicht.

Der 27. Januar ist für mich noch als "Kaisers Geburtstag" ein Begriff, wenn auch ohne Bedeutung. Von Bedeutung ist mir dagegen der 18. Januar als der Tag der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 durch die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser im Schloss von Versailles. Es ist doch erstaunlich, wie das Bismarck´sche Reich die Niederlage im ersten Weltkrieg, die Revolution, die Weimarer Republik, das Hitlerreich mit seiner Katastrophe und schließlich die 40 Jahre der Teilung in zwei offiziell sogar gegnerische Vorposten rivalisierender Weltblöcke überdauert hat.

Es gibt Historiker, die gemeint haben, Bismarcks Reich sei schon 20 Jahre nach seinem Tode - er war 1898 gestorben - untergegangen. Andere datieren den Untergang auf das Jahr 1945, als Ost- und Westpreußen und die größten Teile von Pommern und Schlesien verloren gingen und Preußen als Staat liquidiert wurde. Aber das ist zu sehr an verfassungsjuristischen und geographischen Anhaltspunkten festgemacht. Letztlich haben alle diese Veränderungen doch nichts an der Identität Deutschlands und der Deutschen geändert. - Ob Willy Brandt das ähnlich empfunden hatte, als er am 18. Januar 1971 am Grabe Bismarcks einen Kranz niederlegen ließ mit der Schleifenaufschrift "Dem Kanzler des Deutschen Reiches - der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland" ?

Am Ende des 20. Jahrhunderts ist Deutschland immer noch oder nun wieder das Land der Deutschen der realistischen Bismarck´schen Gründung, deutlich unterschieden von dem "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" des Mittelalters und dem "Dritten Reich", wie es Hitler als Großdeutsches Reich mit Einschluss Österreichs etablieren wollte.

Wenn ich die englische Königshymne höre, muss ich, auch wenn ich das deutsche Kaiserreich nicht erlebt habe, manchmal daran denken, dass sie auch die deutsche Kaiserhymne war:

Heil Dir im Siegerkranz,
Herrscher des Vaterlands,
Heil Kaiser Dir!
Fühl in des Thrones Glanz
Die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volks zu sein,
Heil Kaiser Dir!


Aus heutiger Sicht ist das Kitsch, und viele Kinder werden, wie es meine Eltern beide auch von sich als Kindern erzählten, an eine "Wonnegans" gedacht haben, ohne sich vorstellen zu können, was das wohl sein soll. Aber exaltierte Verse waren zu der Zeit nicht auf das Nationale und auch nicht auf Deutschland beschränkt. Gehaltvoller war eins der meistgesungenen Lieder mit einer sich aufschwingenden Melodie:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwerterklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum Deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

Im Text und in seiner erhebenden Melodie von ähnlichem Stil war das Lied:

O Deutschland hoch in Ehren,
Du heil´ges Land der Treu.

Das klingt in heutigen Ohren alles reichlich pathetisch, und vielleicht deswegen hat man wohl gar nicht bemerkt, dass keines dieser Lieder irgendwelche Herrschaftsgelüste oder Eroberungspläne zum Ausdruck bringt. Es geht immer nur um die Verehrung des Vaterlandes und um die Abwehr vermeintlicher oder auch tatsächlicher Angriffe, denen die Völker in der Mitte Europas ja immer wieder in seiner Geschichte ausgesetzt gewesen war, im Süden einst von den Römern, im Osten von den Hunnen, im Norden von den Schweden und im Westen im 17., 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts von den Franzosen.

Allerdings gab es eine Aufbruchsstimmung. Das Gefühl, wirtschaftlich, technisch und politisch eine Weltmacht zu werden, nachdem man sich wissenschaftlich und kulturell ohnehin schon auf der Höhe gesehen hatte, muss damals in Deutschland allgemein verbreitet gewesen sein. "Herrlichen Zeiten führe ich Euch entgegen" hatte Wilhelm II. verkündet. Man wollte Seemacht werden, wollte Kolonien haben wie England und Frankreich, Holland und Belgien, Spanien und Portugal. Das große deutsche Volk, "jawohl, das große deutsche Volk", wie später de Gaulle einmal ausrief, wollte nicht zurückstehen hinter England, das mit seinem Empire die Weltwirtschaft beherrschte, nicht hinter Frankreich, das trotz der Eroberungszüge und der anschließenden Niederlage unter Napoleon I. die "Grande Nation" geblieben war. .....

Kapitel: Opfergang

Mit dem Deutschlandlied stürmten Tausende deutscher Soldaten, vor allem Studenten, bei Langemarck in den Tod. Vor den Falklandinseln kämpfte in dem Geschwader des Admirals Graf Spee, als es von weit überlegenen britischen Kampfschiffen gestellt wurde, Schiff für Schiff den aussichtslosen Kampf bis zum Ende durch, und die wenigen Überlebenden sangen, wie ich in Arno Dohms 1939 erschienenen Buch „Geschwader Spee las, schwimmend, während einer nach dem anderen unterging, noch das Marinelied von der Flagge Schwarz-Weiß-Rot, der sie ihr Leben weihen "getreu bis in den Tod". Auch der Kreuzer "Emden", dessen ritterliche Kampfesweise selbst von englischen und indischen Zeitungen gerühmt wurde, ging schon 1914 im Kampf mit einem überlegenen der zahlreichen Verfolger in südostasischen Gewässern unter. Gelesen habe ich auch von den deutschen Jagdfliegern Immelmann, Boelke und Richthofen. Sie Alle sind gefallen.

Sinnlose Opfer? Ich meine, so schnell sollte man nicht darüber hinweggehen. Kaum einer der Gefallenen war gezwungen, kaum einer verführt worden. Sie waren bereit, für ihr Vaterland das Opfer zu bringen. Aber war es das wert, zumal wenn der Kampf und zuletzt auch der Krieg verloren ging? Eine Gegenfrage: Kann das Leben noch lebenswert sein, wenn es nichts gibt, für das man zum Opfer bereit wäre? Wäre dann nicht das Leben selbst sinnlos, ein banales Verbringen der Tage und Jahre? Was des Opfers wert ist, das ist nur subjektiv zu empfinden, und ob es Erfolg hat, lässt sich nicht vorhersehen. Bei aller Skepsis gegenüber Verführung steht uns deshalb doch wohl eine grundsätzliche Bereitschaft zum Respekt vor Allen an, die etwas für ihres Opfers wert halten. Karl Jaspers (Die Atombombe und die Zukunft des Menschen) schreibt:

Für etwas in der Welt geschieht das Opfer, das seinen Sinn jedoch auch dann behält, wenn all das, wofür es in der Welt stattfand, scheitert. ... Den Soldatentod zu verstehen als Mittel zum Zweck, ist eine Herabwürdigung des Soldaten. Zu sagen, er sei vergeblich gestorben, beraubt sein Opfer der Substanz. Der ewige Sinn des Opfers ist unabhängig vom Erfolg dessen, wofür es in der Welt gebracht wurde.

Wenn am Ende des Jahrhunderts glatzköpfige Krawallmacher mit rechtsradikalen Parolen die weiße Fahne mit dem schwarzen Doppelkreuz, dem Adler in der Mitte und links oben den Farben schwarz-weiß-rot schwenken, empfinde ich das als eine Verunglimpfung Aller, die unter ihr tapfer und voller Idealismus gekämpft haben und gefallen sind.

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Nach der Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Russland hatte der Krieg im Osten gleich in den ersten Augusttagen 1914 mit dem Eindringen schon bereitstehenden russischer Truppen nach Ostpreußen begonnen. Es kam zu der Schlacht bei Tannenberg mit dem legendären Generalfeldmarschall von Hindenburg, der als "Retter des Vaterlands" aus dem Ruhestand in Hannover reaktiviert worden war. An der Schlacht bei Tannenberg war auch mein Vater beteiligt gewesen.

Er war 1893 in Göttingen als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren. Es gibt noch Bilder aus dem alten Göttingen mit dem Haus neben der Johanniskirche, an dessen Wand zu lesen ist "Schuhfabrik A. Günther, Inh. Fr. Nahme". Mein Vater hatte das Göttinger Gymnasium besucht und dann als "Einjähriger" bei dem preußischen (Göttinger) Infanterieregiment 82 gedient. "Einjähriger" und "dienen" waren auch mir noch geläufige Begriffe, obwohl sie nach dem ersten Weltkrieg schon keine aktuelle Bedeutung mehr hatten. ..... Nach dem Wehrdienst hatte er in Leipzig ein Chemiestudium begonnen. Das hatte allerdings nur wenige Monate gedauert. Dann war der Krieg ausgebrochen, und mein Vater war mit einem sächsischen Regiment nach Ostpreußen gezogen.

Die Schlacht bei Tannenberg erlebte er als deprimierende Rückzugsgefechte schwacher deutscher Einheiten gegen überlegene russische Streitkräfte und war höchst erstaunt, als sich herausstellte, dass es einer der größten Siege in der Weltgeschichte gewesen war - ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man im Zentrum der Ereignisse stehen und selbst daran mitwirken kann, ohne zu wissen, was insgesamt geschieht. .....

1917 kam mein Vater an die Westfront. Dort war der deutsche Vormarsch auf Paris schon 1914 mit der Marne-Schlacht zum Stillstand gekommen. Seitdem lagen sich die Gegner in Schützengräben und Unterständen gegenüber. In Materialschlachten, die immer Tausende bis Hunderttausende von Toten forderten, wurden jeweils wenige Kilometer Geländegewinne erzielt, die dann demnächst wieder verloren gingen.

Ludwig Renn schildert mit kargen Worten den Krieg als die zuweilen banalen Erlebnisse eines Soldaten, der die Zusammenhänge gar nicht erkennen kann. .....

1918 versuchte die Heeresleitung unter Einsatz der im Süden und Osten frei gewordenen Kräfte, das Kriegsende herbeizuführen, bevor die frischen Amerikaner in die Kämpfe eingreifen konnten. Aber Deutschland war erschöpft, vor allem in der Heimat sah es schlecht aus. Renn, jetzt Feldwebel und Zugführer, schreibt:

Von meinen Leuten hatten zwei die Sohlen von den Schnürschuhen geschnitten und nach der Heimat geschickt, weil es dort kein Leder mehr gab. Ich meldete das Lamm. Er befahl eine Durchsicht des ganzen Schuhwerks. Bei den anderen Zügen, bei denen ältere Leute und mehr Familienväter waren als bei mir, fehlte noch viel mehr. ...

Besser sprach auch immer von dem unsinnigen Krieg, und man müsste einfach streiken und nicht mitmachen. Ich sagte einmal dem Hartenstein: "Weshalb verkehrst Du nur mit dem?" Hartenstein lachte: "Weil das der beste Mensch von der Welt ist. Der redet nur so, aber wenn´s drauf ankommt, da sollst Du mal sehen, wie der mitmacht!" Aber auch mir wurde der Krieg immer verdächtiger.

Ludwig Renn, dessen Name in Wirklichkeit Arnold Friedrich Vieth von Golßenau war und der - anders als sein alter ego in dem Buch "Krieg" - den Krieg als Offizier mitgemacht hat, war kein Pazifist. Nach dem Kriege wurde er Kommunist, und als solcher zog er während des spanischen Bürgerkrieges wieder in den Kampf. Man muss sich die Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke vorstellen, mit denen die Frontsoldaten aus dem ersten Weltkrieg in die Heimat zurückkehrten und die man verstehen muss, wenn man die Entwicklungen in der Weimarer Republik und in der nationalsozialistischen Zeit verstehen will. .....

II. Teil: Faszinosum und Inferno
Kapitel: Erfolge, Triumphe - und alles in Frieden

1938
Das Jahr begann mit einer überraschenden Änderung in der Führung der Wehrmacht. Der Reichskriegsminister Generalfeldmarschall v. Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst v. Fritsch, traten zurück. Ein neuer Reichskriegsminister wurde nicht ernannt. Hitler übernahm nun auch die oberste Befehlsgewalt über die Wehrmacht. Unter ihm wurde ein Oberkommando der Wehrmacht (OKW) gebildet, dessen Chef der General Keitel wurde. Oberbefehlhaber des Heeres wurde der General v. Brauchitsch. Natürlich rätselte man - auch wir Schüler taten es -, was das zu bedeuten hatte. Irgendwie fühlte man sich an die Vorgänge um Tuchatschewski erinnert; aber das ließ sich weder vom Beweggrund, noch von den Folgen her miteinander gleichsetzen. Blomberg und Fritsch wurden weder verhaftet, noch gemaßregelt, noch irgendwie unterdrückt. Bei Blomberg war es eine peinliche Panne, bei Fritsch allerdings eine üble, von der SS gesteuerte Intrige.

Blomberg hatte mit Hitler als Trauzeugen ein, wie es hieß, "Mädchen einfacher Herkunft" geheiratet, das sich als eine Prostituierte herausstellte. Fritsch war homosexueller Beziehungen zu einem (gekauften) Zeugen beschuldigt worden, was nach damaligen und nicht nur nationalsozialistischen Gesetzen ein schweres Vergehen sein konnte. Der Fall Blomberg regte uns nicht auf. Wir hielten Blomberg für einen den Nazis und Hitler nahe stehenden General, und der Reinfall war uns ganz recht. Aber Fritsch? Die Wahrheit stellte sich heraus, und Fritsch wurde innerhalb des Offizerkorps rehabilitiert.

Aber nach seinen Ehrbegriffen hielt er sich allein schon aufgrund der bloßen Anschuldigung für nicht mehr tragbar in seiner Stellung und hat gar nicht darum gekämpft. Von ihm sind mit Bezug auf Hitler die düsteren Worte überliefert:

Dieser Mann ist Deutschlands Schicksal, im guten und im bösen, und dieses Schicksal wird seinen Weg zu Ende gehen; geht es in den Abgrund, so reißt es uns alle mit. Zu machen ist da nichts.

So begann ein Jahr von ungeheurer Dramatik. Dabei ist Dramatik noch ein viel zu schwacher Ausdruck für das, was in diesem Jahr alles geschah. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie die Dinge in Gang kamen. Jedenfalls geriet spätestens im Februar Österreich in den Mittelpunkt des Interesses. Zunächst hatte ich darin keine akute Bedeutung gesehen. Nun war es zu einer anscheinend heftigen Auseinandersetzung zwischen Hitler und dem österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden gekommen. Aber immer noch war mir kein anderer Gedanke gekommen, als dass es um bessere oder schlechtere Beziehungen, vielleicht um eine den Nationalsozialisten mehr genehme Regierung ging.

Am Abend des 11. März fanden wir im Radio einen österreichischen Sender und hörten ein Stück von einer Rede Schuschniggs, in der er seinen Rücktritt bekannt gab. Später sprach als sein Nachfolger der österreichische Nationalsozialist Seyß-Inquart. Mir ist noch genau in Erinnerung, dass er dabei von "allfällig einrückenden deutschen Truppen" sprach, denen kein Widerstand geleistet werden solle. "Allfällig" war ein mir ganz ungeläufiger Ausdruck. "Allenfalls", "möglicherweise" oder so ähnlich musste wohl der Sinn sein; aber da mir - auch meinen Eltern - der ganze Zusammenhang etwas rätselhaft erschien, gingen wir schließlich zu Bett mit der erregenden Ungewissheit darüber, was das alles zu bedeuten habe.

Am folgenden Tage wurden alle Zweifel, alle Bedenken weggefegt von der überwältigenden Begeisterung, mit der die nun tatsächlich in Österreich einmarschierenden deutschen Truppen überall empfangen wurden. Den ganzen Tag über saßen wir am Radio. Bei den deutschen Reportern war auch ein englischer Journalist, Ward Price war sein Name. Noch heute klingt mir in den Ohren, wie er in seinem leicht englisch gefärbten Deutsch immer wieder ausrief: "Hörren Sie den Jubel! Hörren Sie den Jubel!"

Am 13. März fuhr Hitler nach Österreich, besuchte erst seinen Geburtsort Braunau am Inn und fuhr dann weiter nach Wien, auf allen Straßen umjubelt von einer dicht gedrängt stehenden Menge. .....

Am Abend vor dem Wahltag gingen unsere Eltern mit meiner Schwester und mir in die Oper. "Der Zigeunerbaron" stand auf dem Programm. Aber als wir den Zuschauerraum betraten, sahen wir den Vorhang mit Girlanden und mit der Hakenkreuzfahne dekoriert, und dann wurde die Kundgebung mit der letzten Führerrede vor der Wahl übertragen. Mit gemischten Gefühlen gingen wir in der anschließenden Pause auf den Balkon des Opernhauses hinaus. Bis weit nach Mitternacht würde die Aufführung nun dauern. Man war ein bisschen ärgerlich und ein bisschen belustigt; aber ganz unbeeindruckt war man nun auch wieder nicht. Es waren ja wirklich außerordentliche geschichtliche Ereignisse, die man erlebte. .....

Die historische Logik konnte man seinen außenpolitischen Erfolgen nicht absprechen. Auf die Dauer konnte Deutschland, dem Altreich, nicht verwehrt bleiben, was anderen Großmächten der damaligen Zeit ganz selbstverständlich zustand. - Und Österreich? Die Habsburger Doppelmonarchie war mit dem Friedensvertrag von Saint Germain zerschlagen worden unter der Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Völker. Damit war Österreich seiner historischen Rolle als Ordnungsmacht in Südosteuropa beraubt und auf eine kleine rein deutsche Alpenrepublik reduziert. Mit welchem Recht sollte den Österreichern, wenn sie sich nun dem größeren Deutschland anschließen wollten, die Selbstbestimmung versagt werden?

Dieser Erkenntnis konnten sich wohl auch die ehemaligen Kriegsgegner nicht verschließen, und so wurde auch dieser Akt letztlich wieder von ihnen akzeptiert. Die Volksbefragung erbrachte 99% vermutlich ganz überwiegend echte Zustimmung für den Anschluss. Kardinal Innitzer hatte aufgerufen, es sei eine nationale Pflicht, "uns als Deutsche für das Deutsche Reich zu erklären". Auch der sozialistische ehemalige österreichische Kanzler Karl Renner stimmte dafür. - Eigenartig, eine Lösung, die vielleicht ohne Hitler möglich gewesen wäre und dann sogar von Dauer hätte sein können, ist gerade dadurch, dass sie Bestandteil der Gewaltpolitik Hitlers war, nun ein für alle Mal unmöglich gemacht worden.-

Im Sommer brachten unsere Eltern Marlies und mich in ein Kinderheim nach Oberstdorf. Eines Tages kam eine elegante Dame aus Berlin mit ihren zwei kleinen, etwa sieben oder acht Jahre alten Töchtern. Es waren Zwillinge. Ich erinnere mich noch an die Namen Imogen und Roberta Oppenheim, genannt Hedi und Musi. Sie waren offenbar aus einer sehr feinen, vermögenden jüdischen Familie. Es musste irgendeine Besonderheit geben. Man spürte das irgendwie, vergaß es aber bald. Sie waren Kinder wie die anderen, vielleicht ein wenig mehr beachtet, schon weil es Zwillinge waren. Sie hatten Ballettunterricht gehabt und führten gelegentlich Tänze vor. Hedi war die hübschere, Musi so etwas wie mein erster Schwarm.

Sie blieben noch dort, als unsere Eltern uns abholten. Das ist das einzige, was ich von ihnen weiß. Viele Jahre lang habe ich wenig an sie gedacht. Aber als ich lange nach dem Kriege in dem Film "Schindlers Liste" die beiden Szenen mit dem kleinen Mädchen in dem rot kolorierten Mantel - dem einzigen Farbfleck in dem Schwarz-Weiß-Film - sah, dachte ich sofort an sie und fragte mich, was wohl aus ihnen geworden ist. Vielleicht haben sie bessere Chancen gehabt als das Krakauer Kind in dem Film. Aber wer weiß es?

Nach der Veröffentlichung dieses Kapitels im Internet meldete sich eine Dame und berichtete, sie habe in der Nachbarschaft zu den Oppenheims gewohnt und sei mit den Zwillingen in dieselbe Klasse gegangen. Sie seien mit ihren Eltern mit dem letzten Auswandererschiff in die USA emigriert.

Mit dem neuen 2-Liter Adler-Wagen meines Vaters fuhren unsere Eltern mit uns über Tirol, Salzburg, Berchtesgaden, München und Nürnberg nach Hannover. Die Dörfer in Tirol kamen uns überwiegend ärmlich vor. Die Bewohner erkannten uns an der Wagennummer als Deutsche aus dem Altreich und winkten uns überall freundlich zu.

Kaum waren wir aus den Ferien zurückgekommen, da wurden die Nachrichten schon wieder aufregend. In der Tschechoslowakei schien sich eine Krise .....

Kapitel: Finis Germaniae

..... In Zempin bei Zinnowitz auf Usedom erhielt ich meine Ausbildung an der 10,5 cm Flak der Marine und an den Zielgeräten. In dieser Zeit kam es zu einigen bemerkenswerten Vorkommnissen.

Einer von uns hatte aus irgendeinem Anlass einen oder zwei Tage Heimaturlaub bekommen. Als er wiederkam, berichtete er von den Flugblättern der Geschwister Scholl in der Universität in München. Das erregte unser Interesse - und wie es schien, allgemein in einem positiven Sinne. Entrüstung über die Taten habe ich jedenfalls bei niemandem herausgehört, und als Höhere Schüler hatten wir von vornherein Sympathien für die Studenten. Einzelheiten konnte jedoch der Urlauber nicht berichten. Es wurde auch - wie allgemein bei den Kriegs- und Tagesereignissen - wenig darüber gesprochen. Wenn ich mir jetzt Gedanken darüber mache, empfinde ich die Taten der "Weißen Rose" als ein Beispiel dafür, welche Bedeutung ein zunächst sinnlos erscheinendes Opfer gewinnen kann. Was sie taten, war in einem real-aktuellen Sinne aussichtslos und doch nicht vergeblich. Sie handelten nach dem Schiller-Wort:

Das Leben ist der Güter höchstes nicht,
der Übel größtes aber ist die Schuld.

Einige von ihnen waren im Osten Zeugen von Massenexekutionen geworden. Sie hätten sich als schuldig empfunden, wenn sie dazu geschwiegen hätten. Sie haben den Tod nicht gesucht, aber ihn auch nicht gefürchtet. Wären sie unentdeckt geblieben, so wäre die Geschichte von ihren Flugblättern wohl nicht über einen kleinen Kreis hinaus bekannt geworden und eine wenig bedeutende Sache geblieben. Erst ihr Opfertod hat sie und ihre Taten in den Rang historischer Größe erhoben.

Nach Zempin kamen wir immer noch nicht zum Einsatz, sondern zunächst zu einem militärischen Unteroffizierslehrgang nach Glückstadt. Dann wurden wir Fähnriche und kamen nun dorthin, wo für die Marineartillerie die Front war. Ich kam nach St. Nazaire. Hier sah ich zum erstenmal eine nahezu völlig zerstörte Stadt. Ich weiß nicht, ob sie bei den Kämpfen im Zusammenhang mit dem geschilderten britischen Kommando-Unternehmen so zerstört worden war oder schon 1940 bei der Eroberung Frankreichs. Damals hatten die Franzosen, insbesondere die Kadetten von der Kavallerieschule Saumur, an dem unteren Lauf der Loire wohl noch heftigen Widerstand geleistet.

Als ich dorthin kam, hatte die Zeit schon begonnen, das Grauen der frischen Zerstörung zu verwischen. Die fast menschenleere Stadt mit den sauber geräumten Straßen war auf dem Wege, im Sonnenschein zu einer sterilen Sehenswürdigkeit zu werden. Zu meiner Zeit hat es keinen einzigen Luftangriff mehr gegeben. Man sah auch nicht mehr oft U-Boote ein- und auslaufen. Mit Hilfe neuer Ortungsgeräte hatten die Engländer den größeren Teil der deutschen U-Boot-Waffe schon vernichtet. Die Besatzungen waren den Heldentod gestorben, häufig in den manövrierunfähig auf dem Meeresgrund liegenden Booten.

Von St. Nazaire aus erhielt ich im Oktober 1943 zum erstenmal Heimaturlaub. Er blieb der einzige reguläre. Mit dem Stempel "Frei von Ungeziefer und ansteckenden Krankheiten" in meinem Wehrpass fuhr ich über Nantes - Paris, Gare du Nord - Maastricht nach Hannover. In diesen Tagen starb in Wendershausen mein Großvater Ehrbeck. Als er noch aufgebahrt im Hause lag, musste sein Sohn mit der freiwilligen Feuerwehr nach Kassel, wo nach einem Bombenangriff Brände wüteten. Zur Beisetzung konnte er wieder zurückkommen. Meine Eltern, meine Schwester und ich kamen aus Hannover, fuhren aber wegen der Gefahr der Luftangriffe sogleich wieder zurück.

Kassel erlebte den schwersten Luftangriff mit annähernd 6000 Toten erst, als ich schon wieder aus Deutschland weg war, und ich erfuhr nichts mehr davon. Aber in Hannover erlebte ich den schweren Luftangriff in der Nacht vom 8. auf 9. Oktober 1943, der die Innenstadt zerstörte. Als alles vorbei war - es dauerte kaum eine Stunde - und wir aus dem Bunker herauskamen, rieselte etwas auf die Helme. Das war Asche. Sie wurde von den Bränden in der Innenstadt hochgetrieben und regnete am Rande wieder ab. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft waren die Häuser unbeschädigt geblieben.

Am Morgen versuchten mein Vater und ich, in die Innenstadt zu gelangen, um nach Verwandten meiner Mutter in der Königstraße zu suchen. Die Rauchsäule über der Stadt verdunkelte den Himmel. In die Innenstadt drangen wir durch Trümmer und Brände nicht hinein. Erst einen Tag später schafften wir das. In einigen Straßen lagen Leichen aufgereiht, und Menschen gingen daran vorbei, um ihre Angehörigen zu suchen. Das Haus in der Königstraße war zerstört. An den Mauerresten waren die Namen einiger Bewohner und deren jetziger Aufenthalt angeschrieben. Der Name der alten Tante meiner Mutter fehlte. Wir wussten, dass sie jeden Abend ein starkes Schlafmittel nahm und bei Alarm nicht mehr in den Keller ging. In der Bahnhofstraße waren alle Häuser zerstört. An der Mauer des Kinos war noch der Titel des Filmes zu erkennen, der zuletzt gelaufen war: "Symphonie eines Lebens".

III. Teil: Wiederbelebung im atomaren Gleichgewicht
Kapitel: Zwischen Ende und Anfang

Mit dem Sommerhalbjahr 1946 konnte ich mein Studium in Göttingen beginnen. ... In meiner Studentenbude stand ein alter eiserner Kohleofen. Die Briketts musste ich mir aus Hannover mitbringen. Für das Essen in Lokalen brauchte man die Lebensmittelkarten, auf die es nur eine bestimmte, nach Kalorien bemessene Menge Nahrungsmittel gab. So auch zum Einkaufen, wobei man meist in einer Schlange missmutiger, schimpfender Menschen stand und manchmal wieder umkehren musste, wenn die Brötchen oder was man sonst kaufen wollte, ausgegangen waren, bevor man an der Reihe war. Strom gab es nur zeitweilig und das vor allem im Winter zu unregelmäßigen Zeiten. Oft ging im Hörsaal unvermittelt das Licht aus. Wir kamen deshalb mit Kerzen in die Früh- oder Spätvorlesungen und saßen natürlich auch in den Studentenbuden oft bei Kerzenlicht. Geradezu trostlos - und das wohl allgemein im ganzen Deutschland - war der Winter 1946/47, kalt, mit den geringsten Lebensmittelzuteilungen, und der Schnee schien die Welt nicht heller zu machen, sondern alles mit Trübsal zuzudecken.

Aber dann gab es doch auch ganz andere Eindrücke und Erlebnisse. Ich belegte auch einige Musik-, Philosophie- und Geschichtsvorlesungen. Göttingen bot kulturell eine ganze Menge. Mindestens einmal im Jahr kam das neu gegründete Stuttgarter Kammerorchester mit seinem Gründer und Leiter Karl Münchinger nach Göttingen. Das Dritte Brandenburgische Konzert von Bach erinnert mich noch heute daran. Oft waren keine Karten mehr zu bekommen. Die Konzerte fanden in dem damals noch eingeschossigen Stadtparkgebäude statt, und bei warmem Sommerwetter wurden die Fenster geöffnet. Darunter saßen wir dann und lauschten.

Eine Filmgesellschaft hatte sich etabliert und betrieb ein Filmatelier. Dadurch kamen bekannte Regisseure und Schauspieler auch an das Theater von Göttingen. Eins der ersten Theaterstücke, die ich nach dem Kriege sah, war (wie könnte es anders sein?) "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder, auch etliche Stücke von Anouilh. Theodor Plievier sprach über seinen Roman "Stalingrad", eins der ersten Bücher über die Schrecken des Krieges. Wir lasen von Wolfgang Borchert das trostlose Heimkehrer-Stück "Draußen vor der Tür".

In einem "Zeitungswissenschaftlichen Kreis" interessierte ich mich für Publizistik. Vielleicht habe ich dadurch einen Blick für Fehlentwicklungen bekommen, die sich jetzt in den letzten Jahrzehnten ergeben haben. Dazu gehört die Aushöhlung des damals mit Nachdruck vertretenen Grundsatzes, Nachrichten und Kommentare zu trennen. Neben der offenkundigen Missachtung dieses Grundsatzes haben sich subtilere Methoden entwickelt, so die Wiedergabe von Äußerungen und Kommentaren als Nachrichten. Sicher können sie im Einzelfall Nachrichtenwert haben. Aber wenn sie oft den größten Teil der Meldungen ausmachen, kann mit ihrer Auswahl Meinungsmanipulation betrieben werden. Besonders groß ist die Gefahr bei den elektronischen Medien, weil der Hörer ihnen gegenüber weniger distanziert ist als beim Lesen einer Zeitung. Zu den Sünden gehört vielfach die Moderation, die der Meldung gleich eine bestimmte Richtung mitgibt. Dazu kommt noch die häufige Verpackung in Musik und Unterhaltung, als ob die Hörer zu dumm oder zu uninteressiert seien, um seriöse ("langweilige") Informationen aufzunehmen. Ich halte es schon grundsätzlich für bedenklich und eher zu totalitären Regimen passend, Unterhaltungsprogrammen politische Informationen und Meinungen gewissermaßen unterzuschieben, wie umgekehrt, Informationen mit Unterhaltung "aufzupeppen". So wird nicht politisches Interesse und politische Bildung gefördert, sondern politisch Ungebildete und Uninteressierte werden manipuliert. ...

In Göttingen hat mich eine Persönlichkeit besonders beeindruckt. Ein einige Jahre älterer Kommilitone aus dem vorangegangenen Semester, Axel Freiherr von dem Bussche, auch Jura-Student, berichtete in einem Vortrag aus seinen eigenen Kriegserlebnissen. Er war eines Tages Zeuge von Massentötungen im Osten geworden. Durch dieses Erlebnis und die Erkenntnis von dem Unrechtscharakter des Regimes war er zum Widerstand gekommen. Zu den intellektuellen Grundlagen dafür hatte auch die Lektüre von Ernst Jüngers "Marmorklippen" gehört.

Dann war eines Tages der Plan entstanden, Hitler eine neue Ausrüstung vorzuführen, in der eine Bombe versteckt war. Er, von dem Bussche, als hoch dekorierter Hauptmann, wollte sich dabei selbst mit in die Luft sprengen. Das war alles geplant und vorbereitet, sogar der Termin. Aber dann wurde die Ausrüstung - wieder eine fatale Ironie der Geschichte - bei einem englischen Luftangriff zerstört, und die Gelegenheit ergab sich für ihn nicht wieder. Er kam wieder an die Front, wurde schwer verwundet und beinamputiert.

An den Aktionen zur Judenvernichtung und dem Völkermord im Osten hatte ich inzwischen ja schon nicht mehr zweifeln können. Aber durch diesen persönlichen Erlebnisbericht und in diesem Zusammenhang drang die Erkenntnis nun doch tiefer ein als durch das, was man vor allem zur Umerziehung ("reeducation") und zuweilen wohl auch zur Demütigung zu hören, zu lesen und zu sehen bekam. Ich lernte dann von dem Bussche noch persönlich kennen, und er brachte mich mit Gräfin Dönhoff in Verbindung. .....

Kapitel: Neue Entwicklungen und Reformen, Unruhen und Terror
Eindrücke aus Mittel- und Südamerika

In Mexiko hat es, was in Europa wenig bekannt ist, vor dem ersten Weltkrieg und noch darüber hinaus die erste Revolution des revolutionsreichen 20. Jahrhunderts gegeben. Wieviel Menschenleben sie gekostet hat, ist umstritten, jedenfalls wohl mehrere hunderttausend, und die Opfer sind oft auf graussame Weise umgebracht worden. Die Revolution gehört in Mexiko wie die französische in Frankreich zum Selbstverständnis der Nation. An sie und an die Protagonisten in ihren verschiedenen Phasen erinnern Denkmäler, Straßen und Plätze. Sie haben sich alle gegenseitig umgebracht. Der Letzte ist, nachdem er als Einziger mit Ablauf seiner gesetzlichen Amtszeit legal in den Ruhestand getreten war, eines Tages von einem unbekannt gebliebenen Täter auf offener Straße erschossen worden. In all den Ländern, die ich besuchte, gab es Kontakte zu Juristen, in Mexiko zu einem bedeutenden Verfassungsrechtler, von dem ich später ein Werk zusammen mit einem deutschen Ministerialdirektor bearbeitet und in deutscher Sprache veröffentlicht habe, in Guatemala zu einem Universitätsprofessor, in Costa Rica zu einem besonders aufgeschlossenen hohen Verfassungsrichter, in Venezuela und Kolumbien zu Anwälten und Verlegern. ...

Was von allen Anbahnungen und Kontakten überdauerte, war aus dem Besuch in Mexiko hervorgegangen. Im Verlag Heise erschien eine Übersetzung und Besprechung des mexikanischen Urheberrechts. Später bearbeitete ich für das anderweitig erscheinende bedeutende Sammelwerk "Quellen des Urheberrechts" den Landesteil Mexiko. Für die "Revista Mexicana de la Propiedad Industrial y Artística" schrieb ich in spanischer Sprache, was an Ort und Stelle sprachlich hier und da noch etwas überarbeitet wurde. ...

Costa Rica war das Land mit dem freundlichsten, einem beinahe familiären Ambiente, auch das politisch und sozial ausgeglichenste, das einzige mit einer breiten Mittelschicht, "die Schweiz Mittelamerikas". Ganz anders Guatemala, ein märchenhaft schönes Land, bei dem man angesichts etlicher tätiger Vulkane, seiner zweimal untergegangenen ehemaligen Hauptstadt und der politischen Verhältnisse auf den Gedanken kommen konnte, das Land sei zu schön, um wahr zu sein. Auf dem Wege vom Flugplatz zu meinem Hotel erfuhr ich von dem Taxifahrer, dass drei Tage zuvor der Bischof entführt worden sei und in dem Land der Belagerungszustand herrsche. Davon merkte ich zwar kaum etwas, aber es fiel mir auf, dass es in den Straßen nur lebhaften Autoverkehr, doch kaum einen Fußgänger gab.

Als ich im Hotel angekommen war, rief der Legationsrat Mikesch von der Deutschen Botschaft an, lud mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein und kündigte mir den Besuch eines Herrn Mann an, eines deutschstämmigen Guatemalteken, der sich um mich kümmern werde. Herr Mann kam dann auch schon bald und teilte mir mit, am nächsten Morgen werde mich der Professor Chaluleu abholen und in der dortigen Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät vorstellen. Ich kam mir fast wie ein Staatsbesucher vor. Chaluleu war indianischer Abstammung (ungewöhnlich damals in der guatemaltekischen Oberschicht). Er sprach sehr wenig, langsam und deutlich, so dass ich mich gut auf spanisch mit ihm verständigen konnte. Er hat mir, nachdem Herr Mann an einem Malaria-Anfall erkrankt war, die Stadt und viel von dem Land gezeigt und erklärt. In der Stadt gab es eine Plaza Berlin, eine von Willy Brandt als Regierendem Bürgermeister eingeweihte Stiftung mit einem Relief der geteilten Stadt Berlin und des geteilten Deutschlands.

Herr Chaluleu und eine Journalistin nahmen auch an dem Mittagessen bei Herrn Mikesch und seiner Frau teil. Legationsrat Mikesch vertrat den auf Urlaub befindlichen Botschafter Graf von Spreti. ... Als ich am Nachmittag wieder im Hotel war, fuhr mit Sirenengeheul ein Militärkordon direkt an meinem Hotel vorbei zur Kathedrale und dem Nationalpalast. Alle Glocken läuteten. Der Bischof war wieder da. Knapp zwei Jahre später wurde in Guatemala der Botschafter Graf von Spreti entführt. Wieder wurde er von Legationsrat Mikesch vertreten. Aber die Sache nahm ein böses Ende. Graf von Spreti war nach dem Kriege der erste hochrangige Deutsche, der von Terroristen ermordet wurde - diesmal noch nicht von deutschen.

IV. Teil: Deutschland nach der Wende
Kapitel: Über die Schwelle zum 21. Jahrhundert

Dreimal war Deutschland im 20. Jahrhundert gescheitert, als Kaiserreich, als Weimarer Republik und - militärisch, politisch und moralisch katastrophal - als nationalsozialistische Diktatur. Nun war am Ende des Jahrhunderts wieder ein Deutschland entstanden: wieder eine starke, aber fest in Europa eingebundene und eng mit den Vereinigten Staaten von Amerika verknüpfte Nation, die in der Welt wie nie zuvor in ihrer Geschichte Vertrauen genoss, und die Vereinigten Staaten boten ihr an, "partner in leadership" (Georg Bush sen.) zu sein. Wann hatte jemals eine so vernichtend geschlagene Nation noch einmal eine Chance bekommen? Wird sie mit dieser nun sicher allerletzten noch etwas anfangen können?

Erstmalig habe ich das beunruhigende Gefühl, dass auch diese wieder verspielt wird. Wie ist es nur möglich, dass es einen Aufschrei gab, als ein maßgeblicher Politiker einmal von "deutscher Leitkultur" in Deutschland sprach? In jedem anderen Land der Welt wäre das für die eigene Kultur doch ganz selbstverständlich! Soll es die denn in Deutschland nicht mehr geben? Und was soll man davon halten, wenn gegen die seit der Erbauung des Reichstagsgebäudes dort stehende Widmung "Dem Deutschen Volke" bis in den Bundestag selbst hinein Bedenken bestehen? Wem denn sonst sollte das Parlamentsgebäude in Deutschland gewidmet sein? Anscheinend gibt es bei uns die Vorstellung, dass es ein deutsches Volk besser nicht mehr geben sollte. Aber was soll dann aus ihm werden? Soll die Regierung sich - frei nach Bert Brecht - ein anders Volk suchen, und ist sie vielleicht schon dabei? .....

Anders seltsamerweise in der Außenpolitik. Ausgerechnet in der Außenpolitik, wo es extrem gefährlich ist, war, nachdem die Schwelle zum 21. Jahrhundert überschritten war, auf einmal von einem "deutschen Weg" die Rede. ... nachdem bisher ein halbes Jahrhundert lang auch die eher frankophilen Kanzler Adenauer, Kiesinger und Kohl ebenso wie die eher atlantisch-angelsächsisch orientierten Kanzler Erhard, Brandt und Schmidt immer darauf bedacht gewesen waren, auch bei engster Verbundenheit mit Frankreich stets an der atlantischen Bindung festzuhalten und sich niemals gegen die USA in Stellung bringen zu lassen. Nun wurde aus Schröders Wahlkampfgerede auf einmal französisch-deutsche Weltpolitik. Ihr erklärtes Ziel ist es, der Supermacht USA eine Mehrheit von annähernd gleichgewichtigen Staaten oder Staatengruppen, etwa Europa, China und Russland, gegenüber zu stellen.

Das ist eine Politik, die sich von den USA absetzt und die NATO spaltet.. Daran können auch schöne Worte des Kanzlers und des Außenministers von gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten unter guten Freunden nichts ändern. Wenn es sich nur um Meinungsverschiedenheiten unter Freunden gehandelt hätte, dann hätte man mit dem Freund geredet und nicht eine "Achse Paris - Berlin - Moskau" gegen ihn geschmiedet. ...

Die Polemik gegen Georg W. Bush (jun,) verschleiert die Fakten. Chirac will, mit Deutschland verbunden, ein Europa unter französischer Führung als Weltmacht unter den anderen globalen Mächten, vergleichbar mit dem Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Großmacht unter den anderen europäischen Großmächten. Aber würde eine multipolare Welt, in der die USA, Europa, Russland und China etwa das bilden würden, was früher das vermeintliche "Gleichgewicht der Kräfte" rivalisierender Großmächte in Europa war, wirklich eine bessere Welt sein? Wie stände Europa, wie stände Deutschland - ein militärisch und moralisch weitgehend verteidigungsunwilliges Deutschland - ohne den Beistand der USA da, wenn mit außereuropäischen Staaten Konflikte ausbrächen?

Mit den beiden Weltkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit dem Ende des Kolonialzeitalters und mit dem Aufkommen der beiden Supermächte USA und Sowjetunion in der zweiten Hälfte haben die europäischen Mächte ihre Vormachtstellung in der Welt endgültig verloren, und der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Europa nicht stärker gemacht. Eher ist das Gegenteil der Fall; denn die USA brauchen Europa nun nicht mehr, um die Sowjetunion in Schranken zu halten. Aber zu meinen, Europa brauche nun auch die USA nicht mehr, wäre ein gefährlicher Irrtum Was wäre, wenn Deutschland und Europa unter den Druck von Völkern mit einem ganz anderem Selbstbehauptungswillen, mit Bevölkerungsüberdruck und mit todesverachtenden Kämpfern, demnächst wohl auch mit Atomwaffen und anderen Massenvernichtungsmitteln käme? Selbst mit dem kleinen Milosewic - ohne Selbstmordattentäter und ohne Massenvernichtungswaffen - hat das ganze Europa nicht ohne die USA fertig werden können!

Im Zeitalter der atomaren Konfrontation der Supermächte USA und Sowjetunion schien die europäisch-atlantische Verbundenheit selbstverständlich geworden zu sein. Mit dieser Selbstverständlichkeit ist es jetzt vorbei. Ob Schröder das gewollt oder nur bei seiner Wahlkampfpolemik nicht bedacht hat, macht für die Folgen keinen Unterschied. Die Lehre eines ganzen Jahrhunderts ist in Gefahr!

PS: Wohl erstmalig in einer deutschen Tageszeitung findet sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25. Oktober 2005 eine grundsätzliche Kritik an der Außenpolitik der Regierung Schröder gegenüber den USA, Frankreich und Russland (Nonnenmacher, „Außenpolitische Berichtigungen). Neuerdings findet ja auch das Thema „Leitkultur“ wieder allgemeine Beachtung.

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