Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseproben aus dem Kapitel
"Aus dem Generalstab in die Politik"

von Schleichers erste Berührung mit sozialen Fragen

Unmittelbar nach Schleichers Versetzung in den Großen Generalstab brach der erste Weltkrieg aus. Schleicher kam zu dem Groener übergeordneten Stab des Generalquartiermeisters. Darüber schreibt Groener: Um die reibungslose Zusammenarbeit zwischen dem Generalquartiermeister und der Eisenbahnabteilung zu gewährleisten, brachte ich einen meiner besten jungen Offiziere, Hauptmann im Generalstab v. Schleicher, in seinen Stab, ein Verfahren, das ich auch bei den anderen Stäben mit Erfolg durchführte. Schleicher übte vermöge seiner hohen Begabung und geschäftlichen Gewandtheit bald einen maßgeblichen Einfluss beim Generalquartiermeister aus23. Er hatte da mit Fragen der Versorgung der Truppe und der Verwaltung besetzter Gebiete und in diesem Rahmen auch schon mit der Politik und der Wirtschaft zu tun.

Von Mai bis August 1917 wurde er an die Front im Osten kommandiert, wo er als Generalstabsoffizier gewisse Erfahrungen aus dem Krieg im Westen mit Erfolg einbringen konnte. Im übrigen rühmte sein Divisionskommandeur, Generalleutnant von Jacobi, später Schleichers "eiserne Nerven", seinen "goldenen Humor" und seine "persönliche Tapferkeit in vorderster Linie". Anschließend kam er wieder in den Großen Generalstab zurück auf eine Stelle mit größerem Verantwortungsbereich als zuvor.

Dort konnte er sich auch mit einer Denkschrift Groeners "Über die Notwendigkeit eines staatlichen Eingriffs zur Regelung der Unternehmergewinne und Arbeiterlöhne" befassen. Gab das für Schleicher einen Anstoß, der seinen ganzen politischen Weg entscheidend beeinflussen sollte? Oder war er trotz seiner elitären Erziehung immer schon aufgeschlossen für soziale Fragen gewesen? Groener bekam vorübergehend etwas Ungnade zu spüren. Schleicher jedoch war schon im Generalstab des Kaisers sozialen Problemen zugewandt und blieb es während seines ganzen Lebens und Wirkens. Ein engstirniger Militarist ist er nie gewesen.

Bald zeigte sich, was für Schleichers politische Tätigkeit charakteristisch wurde, bevor er 1932 als Reichswehrminister und dann als Reichskanzler in das volle Rampenlicht der Öffentlichkeit trat: Sein Einfluss war immer bedeutend größer, als es seiner jeweiligen amtlichen Stellung entsprach. Vogelsang zitiert in seiner Schleicher-Biographie eine Tagebucheintragung des Obersten von Thaer: Hptm. von Schleicher ist ein Kapitel für sich, ein ganz eigenartiger Mensch, fabelhaft klug, vielseitig gewandt und gebildet, gerissen und mit einem Berliner Mundwerk (Schnauze) begabt, viel mehr als Exc, Loewenfeld. Sehr sympathisch kann ich ihn bisher nicht finden. Eigentlich im Ton recht anmaßend (gegen mich ja nicht, aber gegen die vielen älteren Herren, die gerade bei unserer Behörde herumwimmeln). Jedenfalls kann er enorm viel; beherrscht hier im Stabe des Gen.Q. II die Situation (einschl. des Exc. H.) .... .

Was den "goldenen Humor" betrifft, so charakterisiert Vogelsang Schleicher als von sarkastischer Heiterkeit, oft geneigt, prekäre Situationen mit leichter Hand zu unterspielen.

von Schleichers erstes politisches Handeln


Schleichers erstes unmittelbar politisches Handeln - wenn auch, wie noch viele Jahre lang, aus dem Hintergrund - war nach der Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik seine Mitwirkung bei dem Bündnisangebot General Groeners an den Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten Friedrich Ebert. Ein anderer Mitarbeiter Groeners im Großen Generalstab, später General im Reichswehrministerium, Erich Freiherr von dem Bussche-Ippenburg, schrieb25: Das Bündnis der damaligen OHL (Obersten Heeresleitung) mit Ebert war sein Werk. Ohne seinen klugen Rat hätte Groener es nie abgeschlossen. Das Bündnis rettete unser Vaterland vor dem Kommunismus. Ein unvergängliches, viel zu wenig bekanntes Verdienst Schleichers! Das Bündnis wurde von beiden Seiten ehrlich gehalten. Danach kam es zu engen Kontakten Schleichers mit Friedrich Ebert.

---


23 Groener, S. 189
24 Vogelsang, Kurt von Schleicher, Ein General als Politiker, S. 17
25 Brief an Schlange-Schöningen vom 21.6.1957, Institut für Zeitgeschichte,
   München ZS 217


 
zum Seitenanfang