Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseproben aus dem Kapitel "Der Feind steht rechts"

"Der Feind steht rechts" als Schlachtruf gegen Noske

Dagegen hatte Philipp Scheidemann schon im Herbst 1919, also Monate vor dem Putsch, in einer Rede und in seinem ohne Namensnennung auf Noske gezielten Zeitungsartikel die Parole ausgegeben: Der Feind steht rechts! Noske spricht von einem "Schlachtruf"18. Tatsächlich war der Satz also zunächst ein Schlachtruf gegen das "System Noske" gewesen, gegen Noskes Brücke zwischen der Reichswehr und dem neuen Regime. Noske räumt ein, dass die Rechtsopposition nicht so scharf angefasst wurde wie die revolutionären Parteien, was jedoch, so schreibt er weiter, seinen Grund darin hatte, dass rechts zwar auch scharf geredet und geschrieben, aber doch nicht zu Gewalttätigkeiten aufgefordert wurde.

Für die Berliner Gewerkschaften, auch einige andere und für den größten Teil der sozialdemokratischen Presse ging es dagegen um eine Annäherung an die USPD und eine mögliche Wiedervereinigung mit ihr, und Noske war strikt dagegen. Scheidemann, der Ende 1918 und Anfang 1919, als er noch in der Regierungsverantwortung gestanden hatte, auf der Linie Ebert - Noske lag, war nun auch in die Front gegen Noske eingeschwenkt.

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Die Parole "Der Feind steht rechts" wurde schon kurz nach dem Zusammenbruch des Kapp-Lüttwitz-Putsches und der Niederschlagung der revolutionären Aufstände von dem Mitglied des SPD-Parteivorstands Otto Wels im Reichstag wiederholt. Später wurde sie auch von linken Politikern anderer Parteien aufgegriffen, so vor allem von dem Sprecher des linken Zentrums-Flügels Joseph Wirth als Reichkanzler in einer denkwürdigen Rede am 25. Juni 1922, dem Tag nach der Ermordung des Reichsaußenministers Walter Rathenau. Das war nun wirklich ein durch keinerlei linksradikale Umsturzversuche provozierter Mord reinen Terrors von rechts gewesen wie zehn Monate zuvor der Mord an Erzberger. Zwar handelte es sich noch um Einzeltäter aus verborgenen Randgruppen, doch fanden sie schon viel Zuspruch. Hätte diese Entwicklung verhindert werden können?

Soziale Reformen durch Zusammengehen
von Konservativen und Arbeitern?


Es gab auf der rechten Seite und besonders in der Reichswehr, die man weder der Bourgeoisie noch dem Kapitalismus zurechnen kann, auch viele die Zeichen einer anderen Zeit erkennende Persönlichkeiten.

Sie waren nicht nur gewillt, mit der neuen Regierung zusammenzuarbeiten, sondern auch bereit, einer weiteren Parlamentarisierung zuzustimmen, hebt Vogelsang19 hervor und nennt neben Schleicher auch die Generalstabsoffiziere Walter Reinhardt, Kurt von Hammerstein-Equord, Erich von dem Bussche-Ippenburg und Bodo von Harbou. Kurt von Schleicher hatte ja schon als Generalstabsoffizier im Weltkrieg das Missverhältnis zwischen den Leiden der Soldaten und der Bevölkerung auf der einen und den Gewinnen in der Rüstungsindustrie auf der anderen Seite gesehen, das Noske 1916 in einer Reichstagsrede angeprangert hatte. Im November 1918 hatte Schleicher, wie erörtert, als politischer Referent des Generals Groener die Zusammenarbeit mit Ebert betrieben.

Erst neueren britischen Historikern und deutschen, die an britischen Universitäten forschen und lehren, blieb es vorbehalten, in den ersten Jahren der Weimarer Republik über das hinaus, was hier von maßgeblichen Offizieren der Reichswehr gesagt wird, allgemein eine Bereitschaft von Teilen der wilhelminischen Eliten zu einer Zusammenarbeit mit Demokraten festzustellen20. Die permanente Krise des parlamentarischen Systems mangels eines tragfähigen Kompromisses unter den politischen Entscheidungsträgern bis 1933 könne also im Zusammenbruch der Kompromisspolitik zwischen Wilhelminischen Eliten und Sozialdemokratie gesehen werden21. Deutet sich hier vielleicht eine neue Sicht auf die Geschichte der Weimarer Republik an, eine Sicht, die - nach der Verteufelung der Linken als "November-Verbrecher" in der nationalsozialistischen Ideologie - nun auch anders als nach der heute wohl vorherrschenden "Der-Feind-steht-rechts-Ideologie - einmal die zur Zusammenarbeit bereit gewesenen Kräfte auf beiden Seiten in den Blick nimmt und ihnen größere Bedeutung zuerkennt?

Ein Mitarbeiter Schleichers in der innenpolitischen Abteilung des Reichswehrministeriums hatte schon 1919 die in diesem Kreis verfolgten Ideen so ausgedrückt: Konservative und Arbeiter müssen eines Tages zusammengehen und die nötigen sozialen Riesen-Reformen schaffen.22

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18 Noske, Erlebtes. S 148 ff, zum folgenden bis S. 157 u. S. 160 f.
19 Reichswehr Staat und NSDAP, S. 14/15
20 Thomas Weber (University of Aberdeen) unter Berufung auf Conan Fischer
   (University of St. Andrews) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
   vom 30, Januar 2013
21 Christian Müller in Essays for Hartmut Pogge, H-Soz-u-Kult, Nov. 2003 (?)
22 v. Pufendorf Asrtid: Die Plancks - Eine Familie zwischen Patriotismus
   und Widerstand, S. 166, über Erwin Planck im Amt bei Schleicher


 
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