Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseprobe aus dem Kapitel "Der Kapp-Lüttwitz-Putsch"

Noskes Sturz; Ebert wollte ihn halten

So hätte der Fünf-Tage-Putsch tatsächlich eine Köpenickiade bleiben können. Es war auch kein durchdachter Plan gewesen. Später flohen Kapp nach Schweden und Lüttwitz nach Ungarn, um ihrer Verhaftung zu entgehen. Was der Putsch ausgelöst hatte und noch auslöste, war folgenschwerer als der Putsch-Versuch selbst, am folgenschwersten das, was sich gegen Noske zusammenbraute.

Am Donnerstag, dem 18. März, tagte in Stuttgart die Nationalversammlung. Danach notierte Reichsinnenminister Koch um Mitternacht Stichworte:13

Kognak getrunken
vorm Aufbruch Ebert und Müller
Komplott, Noskes Absetzung zu hindern
Sozis zweifelhaft
Philipp, der Meuchelmörder
Rachsucht.


Was steckte dahinter? Philipp Scheidemann hatte in der Nationalversammlung heftig die Reichswehrpolitik kritisiert. Den Namen "Noske" hatte er wieder nicht genannt; aber Noske war das Ziel dieser Attacke gewesen. Noske hatte noch während der Sitzung ein Abschiedgesuch entworfen und als Koch das gesehen und ihn gebeten hatte, damit noch zu warten, erwidert: Keine Stunde mehr.

Ebert wollte Noske aber nicht gehen lassen. Er wusste sehr genau, dass neben ihm selbst nur dieser Mann, der bei den Offizieren trotz seiner Herkunft Vertrauen erworben hatte und dieses trotz des im Zuge des Versailler Vertrages aufgebrochenen Risses auch weiter besaß, das einzige Bindeglied zwischen Armee und Arbeiterschaft darstellte, schreibt Walter Mühlhausen in seiner Ebert-Biographie14. Besser lässt sich die Bedeutung Noskes für Ebert und für die Weimarer Republik nicht auf eine knappe Formel bringen: das Bindeglied zwischen Armee und Arbeiterschaft.

Am Abend dieses 18. März hatten in Berlin Verhandlungen der dort noch verbliebenen Reichsminister und Mitglieder der Preußischen Staatsregierung, mit Vertretern der Mehrheitsparteien und der Gewerkschaften stattgefunden. Dabei hatte der sozialdemokratische Gewerkschaftsvorsitzende Carl Legien, eigentlich ein Anhänger Eberts, ausgeführt, der Generalstreik werde fortgesetzt, zum einen weil Teile der aufständischen Truppen noch nicht abgezogen seien, aber auch weil Noske nicht mehr als Wehrminister zurückkehren dürfe: Noske hat in den Mehrheitsparteien und in der sozialdemokratischen Fraktion ständig erklärt, dass die Reichswehr zur Regierung stehe. Er hätte müssen den Einbruch abwehren mit seiner Person. Weil er das nicht getan hat, deswegen Rücktritt.

Ebert war schwer verärgert darüber, dass es zu dieser Verhandlung kommen konnte, ohne seine und der übrigen Regierungsmitglieder Rückkehr nach Berlin abzuwarten. Am 19. März trat er in Stuttgart vor der Fraktion für Noskes Verbleib ein. Auf sein Drängen kam es zu einem Fraktionsbeschluss, in dem festgestellt wurde, dass die Ausführungen Scheidemanns nicht dem Willen der ganzen Fraktion entsprächen, und in dem Noske zugleich aufgefordert wurde, auf seinem Posten zu bleiben. Auch aus der Reichswehr kamen - teilweise als Reaktion auf die bekannt gewordenen Ausführungen Scheidemanns - Forderungen nach dem Verbleib Noskes.

Am 21. März kehrten Ebert und die letzten bis dahin noch in Stuttgart verbliebenen Reichsminister nach Berlin zurück. Ebert fand sich sofort von den Berliner Gewerkschaftsvertretern mit der Forderung nach Entlassung Noskes konfrontiert. Er unternahm nochmals den Versuch, Noske zu halten, kündigte anderenfalls auch seinen eigenen Rücktritt an. Die Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei sprach sich ebenfalls mehrheitlich gegen die Ablösung Noskes aus, desgleichen der General von Seeckt. Aber es half alles nichts. Der in den Gewerkschaften organisierte Teil der Arbeiterschaft bestand auf Noskes Abgang.

Der Gewerkschaftsführer Legien hatte inzwischen sogar mit der Bildung einer eigenen Regierung gedroht und sich vorhalten lassen müssen, dann tue er ja nichts anderes als "die Kapps". Otto Wels, der Mitvorsitzende der SPD, kündigte seinerseits den Rücktritt an und meinte, dann müsse eben Noske Parteivorsitzender werden15, womit er aber die Konsequenz zum Ausdruck bringen wollte, dass die Partei dann auseinanderbrechen werde.

Am 22. März trat Noske endgültig zurück. Das sei für Ebert eine bittere Erfahrung gewesen, die sein Verhältnis zur eigenen Partei nachhaltig beeinträchtigt habe, schreibt Mühlhausen.

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Ein sozialdemokratischer Nachfolger fand sich nicht mehr, und es hat auch später keinen sozialdemokratischen Reichswehrminister mehr gegeben. Nun wurde General Reinhardt vorgeschlagen. Aber der lehnte ebenfalls ab und reichte darüber hinaus sein Abschiedsgesuch ein. Darin schrieb er16:

Mein Amt als preußischer Kriegsminister und als Chef der deutschen Heeresleitung habe ich dauernd in engem Zusammenarbeiten mit dem Volksbeauftragten und späteren Reichswehrminister Noske geführt. Von ganz verschiedener politischer Grundanschauung ausgehend, waren wir einig in der Überzeugung, dass für das deutsche Volk eine fachkundig geleitete und geführte, moralisch hochstehende, den Parteikämpfen entzogene, aber unbedingt verfassungstreue Wehrmacht eine Lebensnotwendigkeit ist, weil ohne sie weder die Ordnung im Innern verbürgt, noch unser Selbstbestimmungsrecht gewährt, noch unsere Grenzen geschützt werden können. . Die so geschaffene Wehrmacht war auf dem Wege guter Entwicklung, aber innerlich noch nicht gefestigt genug und infolge der durch den Friedensvertrag geforderten übermäßigen Einzwängung Anfang März in einer besonderen Abrüstungskrise, als sie durch den unsinnigen Streich einzelner Offiziere und Politiker, die diese Lage ausnutzten, einen schweren Rückschlag erlitt. . Wenn infolge des Rückschlags vom 13. März der Reichswehrminister Noske nicht auf seinem Posten bleiben kann, so sehe auch ich für mich keine ersprießliche Möglichkeit, weiterhin als Chef der Heeresleitung tätig zu sein.

Thilo Vogelsang resümiert: Zwar ging der "Staat" ohne wesentliche Blessuren aus dem hauptstädtischen Chaos hervor, doch änderte sich das Verhältnis zwischen seinen Trägern, Sozialdemokratie und Wehrmacht, jetzt grundlegend. Für die Zukunft hatten sich beide kaum mehr etwas zu sagen. Die Ironie des Schicksals wollte es zugleich, dass trotz des Sieges der Republik in der Turbolenz dieser Tage gerade diejenigen Männer in den Hintergrund gedrängt wurden, deren gute Zusammenarbeit in den Spitzenstellungen von überzeugten Freunden des neuen Staates bislang als beruhigendes Moment angesehen worden war.17 Das waren vor allem Noske und Reinhardt gewesen.

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13 Akten der Rechtskanzlei a.a.O., Dokument 203,
    zu dem folgenden Dokumente Nr.204-219
14 hierzu und zu dem folgenden auch Mühlhausen, Friedrich Ebert, S.331 ff.
15 Wette, S.664
16 zitiert bei Noske, Erlebtes, S.177
17 Vogelsang, Reichswehr, Staat und NSDAP, S.23


 
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