Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseproben aus dem Kapitel "Der erste Reichswehrminister"

"Einer muss der Bluthund werden"

Bis es zu den Wahlen für die Nationalversammlung kam, überschlugen sich in Berlin die Ereignisse. Wenige Tage nachdem die "Unabhängigen" die Koalition mit den Mehrheits-Sozialdemokraten verlassen hatten, wurde die Kommunistische Partei gegründet. Sie setzte sich im Wesentlichen aus den bei den "Unabhängigen" entstandenen Spartakisten und den von Bremer und Hamburger Linksradikalen gebildeten "Internationalen Kommunisten" zusammen1. Zur Gründung der Partei kam der aus dem äußersten linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie stammende Mitarbeiter Lenins, Karl Radek, aus Moskau angereist, und die Sowjetregierung riet der Partei, sich keine Nationalversammlung "aufschwatzen zu lassen"2.

Die neue Partei und die Spartakisten beschlossen, die inzwischen auf den 19. Januar 1919 angesetzten Wahlen zur Nationalversammlung zu boykottieren und bereiteten damit den Putsch gegen die Sozialdemokratische Regierung vor. Am 5./6. Januar kam es auf Beschluss der USPD und anderer revolutionärer Gruppen zu einer Massendemonstration, die völlig außer Kontrolle geriet. Das Wolffsche Telegraphenbüro, die Verlagshäuser von Ullstein und Scherl, auch Redaktionen wie die des sozialdemokratischen "Vorwärts" und des linksliberalen "Berliner Tageblatts" sowie noch weitere Gebäude wurden besetzt.

Nun beschloss die Kommunistische Partei, eine kommunistische Machtübernahme zu versuchen. Liebknecht rief zum Sturz der Regierung auf. Die Entwicklung eskalierte zu einem bewaffneten Aufstand. Regierungstreue Sozialdemokraten blockierten dann die Wilhelmstraße und die Reichskanzlei, um sie vor den Aufständischen zu schützen. Von der Regierung forderten sie, massiv gegen die spartakistischen Aufständischen vorzugehen, den Aufstand niederzuwerfen und die Herrschaft über die Straße wieder herzustellen. Noske beschreibt die dramatische Entscheidung vom 6. Januar 1919:

In ziemlicher Aufregung, denn die Zeit drängte, auf der Straße riefen unsere Leute nach Waffen, stand man im Arbeitszimmer Eberts umher. Ich forderte, dass ein Entschluss gefasst werde. Darauf sagte jemand: "Dann mach Du doch die Sache!" Worauf ich kurz entschlossen erwiderte: "Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht"3. Der Ausdruck "Bluthund", der seitdem das Etikett ist, das Noske bis heute anklebt, stammte gar nicht von ihm. Schon gleich nach dem Rücktritt der drei "Unabhängigen" aus dem Rat der Volksbeauftragten hatte Scheidemann im Zusammenhang mit der Wahl der neuen Regierungsmitglieder gesagt, nicht jeder wolle in diesen Hexenkessel hineingehen, in dem jeder in der Gefahr stehe, zum Bluthund zu werden4. Daran knüpfte Noske an. Nun war es soweit gekommen. Einer musste es werden.


Gustav Noske, Rosa Luxemburg, Waldemar Pabst

Es hatte über hundert Tote bei den Aufständischen und über ein Dutzend Tote bei den Streitkräften gegeben. Unter den Toten waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Aber sie waren nicht bei Kämpfen umgekommen, sondern aufgespürt, verschleppt und von Angehörigen der Streitkräfte umgebracht worden. Der Abscheu über diese Tat reichte weit über die Anhänger Luxemburgs und Liebknechts hinaus. Andererseits gab es bis in sozialdemokratische Kreise hinein auch das Gefühl einer gewissen Erleichterung. Tausende hatten tagelang in Angst und Schrecken gelebt, und Liebknecht und Luxemburg hatten als die herausragenden Unruhestifter willentlich oder unwillentlich einen entscheidenden Anteil daran gehabt. Scheidemann hatte übrigens schon im Oktober 1918 Liebknecht einmal einen "typischen Bolschewisten" genannt5.

Winkler schreibt6: Die ermordeten kommunistischen Führer waren mitverantwortlich für das Blut, das während der Januarkämpfe vergossen wurde. Das galt vor allem für Karl Liebknecht, der wider alle Vernunft zum Sturz der Regierung aufgerufen hatte. Rosa Luxemburg pries die revolutionären Massen, obwohl diese der besseren Einsicht der sozialistischen Theoretikerin strikt zuwiderhandelten. Der Berliner Januaraufstand war der Putschversuch einer radikalen Minderheit. Wäre er nicht niedergeworfen worden, hätte sich der Bürgerkrieg über ganz Deutschland ausgebreitet und eine alliierte Intervention ausgelöst.

Während die Gerichtsurteile über die an der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs Beteiligten überwiegend als zu milde kritisiert werden, wurde in der Kabinettssitzung vom 7. Oktober 1919 dazu festgestellt7: Das Urteil gegen die bei der Tötung beteiligten Offiziere kann nach genauer Prüfung nicht beanstandet werden. Es steht nach der Beweisaufnahme fest, dass ein gemeinsamer, schon vor dem Aufbruch vorbedachter Plan nicht vorgelegen haben kann und dass ferner die Panne des Autos nicht vorgespiegelt, sondern tatsächlich ohne Eingriff eingetreten ist. Eine schärfere Stellungnahme bei einer zweiten Verhandlung ist nicht zu erwarten, da das Gericht niemals auf den Verdacht ohne vollen objektiven Nachweis Mord oder Totschlag im Rechtssinne als festgestellt annehmen wird. So stellte sich das damals dar.

Hauptbeteiligter an dem Vorgang war der Hauptmann Waldemar Pabst. Nach seinem Tode fand man bei ihm eine Darstellung, die darauf schließen lassen würde, dass Noske ihm eine Tötung von Liebknecht und Luxemburg nahe gelegt habe, wenn auch nicht ausdrücklich. Diese Darstellung wird häufig gegen Noske verwandt. Ihr gegenüber ist Vorsicht angebracht8. Pabst spielte zwar bei der Aufstellung der regierungstreuen Reichswehrverbände eine maßgebliche und von Noske lobend hervorgehobene Rolle. Später aber - noch vor dem Kapp-Putsch - hat Noske ihn wegen reaktionären Verhaltens aus der Reichswehr entlassen und ihm weder das Recht, Uniform zu tragen, noch die bei der Pensionierung von Hauptleuten häufig vorgenommene "Charakterisierung zum Major" zugebilligt. Unmittelbar vor dem Kapp-Putsch hat er sogar die Verhaftung Pabsts angeordnet, wozu es dann allerdings nicht gekommen ist.

Pabst selbst hat sich in der "National-Zeitung" vom 8. Februar 1963 gerühmt: . dass ich der Königl.-preuß. Major des Generalstabs a.D. Waldemar Pabst bin. Unter diesem Namen bin ich in die deutsche Geschichte eingegangen u.a. auch als der Mann, der es seinerzeit im Interesse des Vaterlandes für unbedingt notwendig gehalten hat, die aus Moskau gesteuerten Führer zu richten, um dem Blutvergießen ein Ende zu machen . Pabst starb am 29. Mai 1970 im Alter von 89 Jahren.

Aus den Wahlen zur Nationalversammlung, die am 19. Januar 1919, also unmittelbar nach den dramatischen Vorgängen in Berlin stattfanden, ging die Partei der Mehrheits-Sozialdemokraten, die SPD, als die bei weitem stärkste hervor Sie wurde fast doppelt so stark wie das Zentrum als zweitstärkste und erhielt annähernd so viele Stimmen wie dieses und die linksliberale Deutsche Demokratische Partei als drittstärkste zusammen. Mit großem Abstand folgte die monarchistische Deutschnationale Volkspartei die nur knapp über 10 % der abgegebenen Stimmen erlangt hatte. Die USPD, die Partei, die die Revolution hatte fortsetzen wollen, hatte nicht einmal 8 % der Stimmen bekommen.

In vielen populär-historischen Darstellungen - Büchern und Filmen - wird dies vielleicht noch erwähnt; aber dann wird übergesprungen zu der revanchistischen und rechtsradikalen Agitation, die der Weimarer Republik schließlich ein Ende bereitete. Ist es nicht geboten, hier erst einmal anzuhalten? Es war die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes - mehr als 80 % -, die die linksradikalen Bestrebungen der Kommunisten und der "Unabhängigen" strikt ablehnte. Und die Konservativen und die Nationalen unter ihnen, für die das Deutsche Kaiserreich eine Herzenssache gewesen war? Für sie war natürlich nun nicht auf einmal die Republik und die Demokratie eine Herzenssache geworden. Wie hätte das denn sein können? Aber sie hatten aus Einsicht mit großer Mehrheit ebenfalls die demokratischen Parteien gewählt, und Einsicht kann in der Politik und der Geschichte unter Umständen eine bessere Grundlage sein als Emotionen. Es wird noch mehrfach zu erörtern sein, wann, wie und wieso diese Einsicht weitgehend verging.
Jetzt wurden die Sozialdemokraten Ebert Reichspräsident und Scheidemann Reichskanzler.

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1 Winkler, Bd. I, S.387 f.
2 Ernst Nolte, Die Weimarer Republik, S. 51/52 und 54
3 Noske, Von Kiel bis Kapp, S. 68
4 Wette, S. 287
5 Wette, S. 281
6 S. 390
7 Akten der Reichskanzlei, Weimarer Republik, Kabinett Bauer, Dokument Nr. 73
8 So auch Mühlhausen, S. 149


 
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