Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseprobe Einleitung zu dem Kapitel "Reichskanzler"

Stimmen zur Ernennung Schleichers zum Reichskanzler

Es ist ein Glück für unser Land, dass es bei uns wenigstens einzelne überragende Militärs gibt, die in gutem Sinne politische Soldaten sind. Wir brauchen nur die Namen Hindenburg und Groener zu nennen, um verstanden zu werden. Wenn nicht alles täuscht, darf man Herrn von Schleicher als nächsten in dieser Reihenfolge nennen. Obwohl er kein Parteimann ist, schwankt sein Charakterbild je nach der entsprechenden Parteibeleuchtung (...) heute muss man doch aussprechen, dass er nicht nur ein Mann ungewöhnlicher Befähigung, sondern auch ein konstruktiver Kopf ist.

Chefredakteur Otto Nuschke in "Berliner Volksstimme" vom 5. 12.1932



Wenn aber einer so ernst machen will mit dem Umlernen, wie das die Programmrede des Kanzlers bezeugt, dass er nämlich nicht mit einem einzigen Wort dem Wust der politischen Leidenschaften Rechnung trägt, die eben noch Deutschland in Flammen setzten, dann hat ein solcher Mann das Recht darauf, zunächst einmal an der Arbeit gelassen zu werden.

Frankfurter Zeitung vom 16.12. 1932 nach Schleichers Rundfunkansprache
vom 15.12.1932



Die Programmrede Schleichers wird in der Schweizer Presse mit großer Ausführlichkeit wiedergegeben und als bedeutsames Ereignis der internationalen Politik gewürdigt. Die "Neue Zürcher Zeitung" nennt sie eine Rede des gesunden Menschenverstandes eines von Überspanntheit freien und aufgeschlossenen Mannes, der einen Ausgleich gegenüberstehender Interessen anstrebe, Abenteuer ablehne und in langsamer Aufbauarbeit Deutschlands "alte Größe" herzustellen hoffe.

aus der Frankfurter Zeitung vom 16.12. 1932



Schleicher schien selbst bei den Blättern der Linken, wie dem `Berliner Tageblatt´ als der einzige Mann in den gegenwärtigen Umständen akzeptiert zu werden, der die Situation entspannen könnte.

Eyck, Geschichte der Weimarer Republik II, S. 550



Die Nachricht von Schleichers Ernennung wurde von großen Teilen der Öffentlichkeit mit Erleichterung aufgenommen. Von dem General war, da er auf Verfassungsexperimente zu verzichten versprach und sich zum sozialen Ausgleich bekannte, zumindest keine Zuspitzung der inneren Lage zu erwarten. Der bisherige Reichswehrminister, der dieses Amt auch als Reichskanzler beibehielt, hatte den Beobachtern aller Lager zwar immer wieder Rätsel aufgegeben; seine Haltung zu den Nationalsozialisten ließ sich nicht anders als widersprüchlich und sprunghaft bezeichnen. Und doch traute man ihm in der politische Mitte und auf der gemäßigten Linken sehr viel mehr taktisches Geschick zu als dem "Herrenreiter" von Papen, der politische Widerstände notorisch unterschätzte und nicht zuletzt an diesem Unvermögen gescheitert war.

Winkler, Der lange Weg nach Westen I, S.535



Eine letzte Chance, über die innenpolitischen Schwierigkeiten hinwegzukommen, bot sich, als von Schleicher als Reichskanzler Papen ablöste, um einen Kurs der Versöhnung zwischen den Klassen zu steuern. Einige Male hatte ich in den letzten Jahren mit Schleicher gesprochen. Er hatte die furchtbaren Schwierigkeiten in den Jahren nach 1918, tätig im Reichswehrministerium, miterlebt und sie nicht vergessen, sondern daran gelernt.

Noske, Erlebtes aus Aufstieg und Niedergang einer Demokratie, S. 310



... die Mehrheit der Bevölkerung hoffte - wenigstens in Berlin -, dass die Bemühungen des Kanzlers Kurt von Schleicher, des "sozialen Generals", um eine Gewerkschaftsfront von rechts bis links Erfolg hätten. Damit wäre den Radikalisten beider Färbungen der Wind aus den Segeln genommen worden. ...

Zuckmayer, Als wär´s ein Stück von mir, S.448



Leseprobe aus dem Kapitel "Reichskanzler"

von Schleichers Bemühungen um Gewerkschaften und Sozialdemokraten

Etwa in dieser Zeit (2. Hälfte Dezember 1932) ließ Schleicher durch Oberst von Bredow der SPD Vorschläge für eine weitgehende Zusammenarbeit vortragen. In seiner Rundfunkansprache hatte er vermieden, der SPD Gründe zur Ablehnung zu geben. Nun war in seinen Vorschlägen vorgesehen, dass zwei Sozialdemokraten oder Gewerkschafter in die Regierung aufgenommen werden, dass aus den Wehrverbänden "Reichsbanner" und "Stahlhelm" ein einheitlicher Wehrverband gebildet wird und dass die anderen Wehrverbände verboten werden. Auch die NSDAP sollte verboten werden. Der Vorstand der SPD lehnte jedoch alles ab32.

Der damalige Reichstagsabgeordnete der SPD, Josef Felder hat in einem undatierten Brief an Fritz Tobias (Antwort auf dessen Brief vom 27.3.1994)33 bestätigt, dass in der Sitzung der Fraktion im Dezember 1932 die Anregung, mit Schleicher zu verhandeln, mit 100 gegen 21 Stimmen brüsk abgelehnt worden sei. Er selbst habe zu den Ablehnenden gehört. Kunrat von Hammerstein stellt fest: Schleicher war mit den christlichen und wäre auch mit den sozialdemokratischen Gewerkschaften einig geworden, wenn ihm die Parteileitung der SPD nicht den Weg verbaut hätte34.

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Aber dann kam der nächste Schlag gegen Schleicher. Am 21. Januar wandte sich die Reichtagsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei gegen die Regierung Schleicher mit einer Entschließung, in der gesagt wurde: Überall taucht der Verdacht auf, dass die jetzige Reichsregierung nichts Anderes bedeuten werde als die Liquidation des autoritären Gedankens, den der Herr Reichspräsident mit der Berufung des Kabinetts von Papen aufgestellt hatte, und die Zurückführung der deutschen Politik in das Fahrwasser, das dank dem Erstarken (sic) der nationalen Bewegung verlassen zu sein schien35. Es war - nun in negativer Beurteilung - das Gleiche, was Schäffer mit positiver Beurteilung festgestellt hatte: Schleicher wollte zur parlamentarisch gestützten Regierungsweise zurückkehren.

Die Entschließung der Deutschnationalen Reichstagsfraktion stand offensichtlich schon im Zeichen der unterdessen von Papen weiter betriebenen Aktivitäten zu einer Ablösung der Regierung Schleicher durch ein autoritäres Kabinett mit Hitler. Die Frage war dabei nur noch, ob Hitler auch Reichskanzler werden sollte und wie man, wenn das so sein sollte, Hindenburg dazu bringen könnte, seinen Widerstand dagegen aufzugeben.

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Unterdessen hatte Schleicher noch einmal vom Kronprinzen einen Bericht von dessen Verbindungsmann vom 17.1.33 bekommen. Darin hieß es: Es steht fest,
1.) dass an eine Einigung Hitler-Strasser nicht mehr zu denken ist. Es käme nur noch die Unterwerfung Strassers in Frage. Diese ist in absehbarer Zeit ausgeschlossen.
2.) Eine Umbildung der Regierung Schleicher kann nochmals gelingen. Sollte sie ohne Hitler erfolgen, so kann sie nur auf Bestand rechnen, wenn sie sich auf S.P.D., Zentrum und Anhängsel stützt. Hitler scheint sich auf eine unbedingt ablehnende Haltung gegen den Kanzler festgelegt zu haben.


Damit hatte der Informant des Kronprinzen, vermutlich Ritter von Hörauf, den Nagel auf den Kopf getroffen: Gegenüber der Konspiration von Papen und Hitler musste sich Schleicher nun verstärkt um eine Mitwirkung, mindestens Duldung von Seiten der SPD und des Zentrum bemühen. Es kam jetzt entscheidend auf die SPD an.

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Eyck, der im allgemeinen nicht gut auf Schleicher zu sprechen ist, billigt ihm aber zu, dass er sich ernsthaft um eine Zustimmung der Sozialdemokratie bemüht habe. Es war nicht seine, sondern der Sozialdemokraten Schuld, wenn diese Bemühungen völlig ergebnislos blieben. Sie schienen noch nicht begriffen zu haben, dass Hitler unmittelbar ante portas stand und dass im Vergleich zu ihm selbst ein konservativer General, auch wenn er als Intrigant verdächtig war, noch ein Trost war. Muss man nicht auch fragen: Was konnte die Sozialdemokratie besten Falles mit ihrer Opposition gegen Schleicher erreichen? War nicht andererseits Schleichers Siedlungsplan, so sehr er auch in der Luft schwebte, eine Angelegenheit, bei der die Sozialdemokraten hätten kräftig mitarbeiten können?

Der Sozialdemokrat Noske geht mit seiner Parteiführung sehr viel härter ins Gericht: Unter der Kapitelüberschrift "Wen die Götter verderben wollen ..." schreibt er: Schleicher hätte manches tun müssen, was mit der bisherigen sozialdemokratischen Agitation nicht übereinstimmte, aber er hätte doch die Partei, ihre Presse, die Gewerkschaften und die anderen Institutionen bestehen lassen, wenn man ihm vorerst freie Hand gelassen und dazu einem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hätte. Er hat versucht, sich besonders mit den Gewerkschaftern zu verständigen. ...
Nie ist eine politische Situation gründlicher verkannt worden. Schleicher hatte den Führer der Gewerkschaften, Leipart, zu einer Aussprache über eine Zusammenarbeit mit den Vertretern der organisierten Arbeiterschaft gebeten. Im Vorstand der sozialdemokratischen Partei hatte man davon gehört. Leipart wurde aufgefordert, vor dem Gespräch mit Schleicher in das Parteibüro zu kommen. Dort wurde ihm von Breitscheid eröffnet, dass die Parteileitung jede Zusammenarbeit mit dem Reaktionär Schleicher ablehne und dieselbe Haltung von ihm erwarte. Leipart, der mir diese Unterhaltung geschildert hat, fügte sich dem Parteigebot
36.

Der sozialdemokratische damalige Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hoegner, der nach dem Zweiten Weltkrieg und vor Bildung der Bundesrepublik Deutschland von September 1945 bis Dezember 1946 der zweite bayerische Ministerpräsident werden sollte, hatte sich ebenfalls für eine Zusammenarbeit mit Schleicher verwandt. In seinen Erinnerungen unter dem auf ihn selbst bezogenen Titel "Der schwierige Außenseiter" bemüht er sich, wie er im Vorwort darlegt, die Tatsachen ohne Wertung zu schildern und stellt fest: Die Sozialdemokratie glaubte, den Zusammenbruch der Nazipartei in Ruhe abwarten zu können. Der Vorstand der Reichstagsfraktion ließ dringende Einladungen des neuen Reichskanzlers, General von Schleicher, der am 2. Dezember von Hindenburg ernannt worden war, zu mündlichen Besprechungen unbeantwortet.

Weiter führt Hoegner dazu aus: Jetzt wandte sich der Reichskanzler von Schleicher an die Arbeiterschaft und malte das verlockende Bild eines Bündnisses zwischen Arbeitern und Soldaten an die Wand. ... Vielleicht war eine Politik, wie sie Schleicher jetzt einleiten wollte, nicht durchführbar. Allein der Versuch, die nationalsozialistische Partei in einen Hitlerflügel und einen Straßerflügel zu spalten und der Sozialdemokratie oder doch den Gewerkschaften Einfluss auf die geistige Haltung der Reichswehr zu verschaffen, durfte nicht von vornherein abgelehnt werden. Dazu hätte freilich der Bruch mit den Formeln der Theoretiker, schöpferische politische Phantasie und politischer Wagemut gehört.

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Hindenburg empfing nun führende Abgeordnete der Sozialdemokraten, des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei, die ihm alle, also auch die Sozialdemokraten, mehr oder minder deutlich den Rat gaben, Hitler mit der Bildung einer Rechtsregierung zu beauftragen. Die Beweggründe waren, so Meißner37: Hitler würde durch die Berufung zum Kanzler in die Verantwortung gestellt, und es werde sich dann bald herausstellen, dass er seine Versprechungen, mit denen er die Millionen Wähler hinter sich gebracht habe, nicht erfüllen könne. Er würde dann bald abwirtschaften, und seine Wähler würden wieder zu den alten Parteien zurückfinden.

Es besteht kein Grund, an dieser Darstellung Meißners zu zweifeln, zumal sie von Hoegner, was die Sozialdemokraten betrifft, ja bestätigt wird. In der Tat konnte es vor allem für die Sozialdemokraten keine weiteren Möglichkeiten mehr geben. Bei der einzig noch möglichen Alternative Schleicher oder Hitler spielte ihre Führung Vabanque und zog Hitler vor in der Hoffnung, er werde sich bald selbst erledigen.

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32 v. Plehwe S. 290
33 Privatarchiv Tobias
34 Frankfurter Hefte, 1956 S. 119
35 Dokument Nr. 64
36 Noske, S.310 f.
37 Meissner, S. 256


 
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