Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseprobe aus dem Kapitel "Reichswehrminister"

Die Reichswehr und sozialpolitische Fragen

Am 26. Juli 1932 hielt Schleicher eine Rundfunkansprache28. Diese Rede ist nicht zuletzt deswegen von besonderer Bedeutung, weil sich Schleicher mit ihr zum ersten Mal an die Öffentlichkeit wandte und weil sie eine der ganz wenigen Darstellungen seiner politischen Konzeption enthält.

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Anschließend kam er ausführlich wieder auf ein Thema zu sprechen, das ihn seit seiner Zeit im Generalstab immer beschäftigt hat: In diesem Zusammenhang noch einige Worte über den sozialen Gedanken, zu denen ich mich gerade als Wehrminister für durchaus berechtigt halte. Eine der schönsten Soldatentugenden ist die Kameradschaft, und was ist diese Kameradschaft, dieses Zusammenstehen in Freud und Leid, in Sieg und Tod im Grunde anderes als der Ausdruck des sozialen Denkens und Fühlens. Dieser Gedanke der Kameradschaft umschließt die nationale und die soziale Aufgabe der Wehrmacht. Die nationale Aufgabe: das ist die alle Volkskreise umfassende und einigende Pflicht der Landesverteidigung. Die soziale Aufgabe: das ist die Verbundenheit der Wehrmacht mit den Schicksalen aller Volksschichten.

So wenig die Reichswehr eine Parteitruppe ist, so wenig ist sie die Schutzmacht irgendwelcher Klassen oder Interessen, so wenig will sie überlebte Wirtschaftsformen oder unhaltbare Besitzverhältnisse decken. Und in diesem Sinne des sozialen Gedankens werde ich mein Amt als Reichsminister und insonderheit als Wehrminister führen, indem ich die Armee immer wieder daran erinnern werde, dass sie dazu beitragen soll, die Not gerade in den ärmsten Bevölkerungsschichten zu lindern und Freund und Helfer aller Bevölkerungsschichten zu sein. (alle Unterstreichungen in der Original-Vorlage)

Dass er so ausführlich und die Grenzen seiner Zuständigkeit als Wehrminister sehr weit ausdehnend seine politischen Vorstellungen in der Öffentlichkeit darlegte, ist um so bemerkenswerter, als ihm klar sein musste, das sie in Teilen den Vorstellungen des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten kaum entsprechen konnten. Was er zur Siedlungspolitik sagte und wenn er von "überlebten Wirtschaftsformen" und von "unhaltbaren Besitzverhältnissen" sprach, grenzt ja geradezu ans Revolutionäre - und das als Minister in einer ausgeprägt konservativen Regierung! Aber Planck, damals Mitarbeiter und noch so etwas wie ein Schüler Schleichers, hatte ja schon in einem Brief an seinen Freund Rochow von 29.11.1919 - zweifellos unter dem Einfluss Schleichers - geschrieben: Konservative und Arbeiter müssen eines Tages zusammengehen und die nötigen sozialen Riesen-Reformen schaffen29.

Jetzt, 1932, nachdem er an eine der wichtigsten Schaltstellen der politischen Macht gelangt war, konnte Schleicher mit Gedanken hervortreten, die ihn schon 1919, ja, eigentlich schon während des Krieges, beschäftigt hatten. Da schimmert auch bereits die Idee einer Zusammenarbeit von Reichswehr und Gewerkschaften durch. Die Reichswehr soll mit dem Volk verbunden sein, wie er in der Zeit des Ausnahmezustandes 1923/24 von der Reichswehr aus mancherlei Sozialstationen eingerichtet und eine "pfleglichen Behandlung der Gewerkschaften im Interesse der Arbeiterschaft" gefordert hat.

Abfuhr Hitlers bei Hindenburg

Am 13. August (1932) fanden zunächst Gespräche von Papen und Schleicher mit Hitler statt, bei denen sie Hitler die Vizekanzlerschaft anboten. Hitler als Führer der mit Abstand stärksten Partei und mit der ebenfalls stärksten Fraktion beanspruchte aber die Kanzlerschaft. Am Nachmittag fand dann eine Unterredung von Hindenburg mit Hitler statt, an der Papen und Hindenburgs Staatssekretär Meißner, sowie für die Nationalsozialisten Göring und Frick, dem das Kultusministerium angeboten werden sollte, teilnahmen. Auch Hindenburg bot Hitler an, in das Kabinett Papen als Vizekanzler einzutreten, lehnte es aber ab, Hitler als Kanzler zu berufen. Über die Besprechung wurde eine Verlautbarung herausgegeben, in der es hieß:

Der Reichspräsident richtete an Hitler die Frage, ob er bereit sei, selbst sowie mit anderen geeigneten Persönlichkeiten der NSDAP in die von dem Reichskanzler Papen geleitete Regierung einzutreten. Hitler verneinte dies und stellte an den Reichspräsidenten die Forderung, ihm die Führung der Reichsregierung und die gesamte Staatsgewalt in vollem Umfange zu übertragen. Reichspräsident von Hindenburg lehnte diese Forderung sehr bestimmt mit der Begründung ab, dass er es vor seinem Gewissen und seinen Pflichten dem Vaterland gegenüber nicht verantworten könne, die gesamte Regierungsgewalt ausschließlich der nationalsozialistischen Bewegung zu übertragen, die diese Macht einseitig anzuwenden gewillt sei30.

Planck hat diese Verlautbarung als eine Art Emser Depesche bezeichnet31. Das war 1870 die Verlautbarung über ein Gespräch des französischen Botschafters mit Wilhelm I. in Bad Ems gewesen, die von Bismarck bewusst so schroff gefasst worden war, dass sie bei den Deutschen Empörung auslöste und Frankreich zur Kriegserklärung veranlasste. Die Absicht - und sogar der stilistische Aufbau - waren durchaus vergleichbar mit der "Emser Depesche": Hitler sollte als der Mann erscheinen, mit dem nicht vernünftig zu reden war, und Hindenburg als der, der das Reich vor diesem Mann bewahrt hat.

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28 Nachlass Schleicher N 42
29 v. Pufendorf, S. 166
30 zitiert u.a. bei Eyck, Bd. II, S.524
31 v. Pufendorf, S. 283


 
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