Hans-Dieter Nahme - Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik

Leseprobe aus dem Kapitel "Versailles"

Noske ringt sich durch zur Annahme des Vertrages von Versailles und vertritt es vor der Wehrmacht

Die Empörung war über alle Parteien hinweg einhellig. Aber was sollte man tun? Deutschland war jetzt so gut wie verteidigungsunfähig.

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Noske war über den "Vertrag" ebenso empört wie alle Anderen. Zur Zerreißung des Reiches und zur wirtschaftlichen Erdrosselung des Volkes, schreibt er, wurde der Versuch der Ehrlosmachung hinzugefügt, indem ein Schuldbekenntnis und die Auslieferung Angehöriger der Nation zur Aburteilung wegen angeblicher Kriegsverbrechen an die Sieger gefordert wurde. Die ganze Furchtbarkeit des Vertrages wirkte nach der Überreichung fast lähmend vor Entsetzen. Auch hielt er es für ausgeschlossen, dass die Wehrmacht sich damit abfinden könnte, aber ebenso für ausgeschlossen, dass ohne die Wehrmacht das Reich noch in Ordnung und zusammen zu halten sei. Knapp und präzise schreibt er, in Ehren das Leben opfern, könne ein einzelner Mann und eine Schar von Helden, nicht aber ein ganzes Volk von Millionen.

Im Kabinett sprach Noske sich dafür aus, die Unterzeichnung des Vertrages zu verweigern, dann aber widerstandslos das Land besetzen zu lassen und die nationale Wiederbelebung einer ferneren Zukunft zu überlassen9 - ein Gedanke, 1919 von ihm ausgesprochen und in seiner 1920 gegebenen Darstellung niedergeschrieben, der uns nach 1945 gar nicht mehr unrealistisch erscheinen kann. Da Noske jedoch davon ausging, dass ihm bei einer Vertragsablehnung mit dieser Maßgabe die Wehrmacht nicht mehr folgen würde und bei einer Annahme des Vertrages erst recht nicht, bot er seinen Rücktritt an. Scheidemann konnte nach seiner Rede ohnehin nicht mehr anders, als für die Ablehnung zu stimmen. So erklärte auch er seinen Rücktritt.

Im übrigen gingen in der Regierung die Meinungen auseinander, und am 20. Juni trat die Regierung insgesamt zurück. Inzwischen hatten die Siegermächte ein Ultimatum von fünf Tagen gestellt, von denen der erste nun verstrichen war. Ebert fand jedoch auch auf Seiten der Bürgerlichen und der Rechten keine Kräfte, die als Regierung eine Ablehnung verantworten wollten. Auch er erwog den Gedanken an einen Rücktritt. Von der Wehrmacht wurde eine Militärdiktatur mit Noske an der Spitze ins Gespräch gebracht10. Vielleicht hätte die Wehrmacht nicht "wie ein Mann" hinter ihm gestanden, wie ihm das General Maercker versicherte11; aber etliche hohe Offiziere hätten es getan, und wenn er darauf eingegangen wäre, würde ihn jedenfalls niemand in der Wehrmacht daran gehindert haben.

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General Groener äußerte in einem Telefongespräch mit dem Reichspräsidenten Ebert, wenn Noske die Annahme des Vertrages in geeigneter Weise vor der Truppe vertrete, bestehe eine Chance, dass die Truppe sich hinter ihn stelle. Auch andere Politiker und Offiziere appellierten an Noske, dass er nach Unterzeichnung des Vertrages auf seinem Posten bleiben und den Vertrag vor der Wehrmacht vertreten solle12. Noske war in höchstem Erregungszustand. Zeitweilig zog er sich aus den Beratungen zurück, um mit seinen Gedanken allein zu sein, wollte sich aber nun einer solchen Möglichkeit nicht mehr verschließen.

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Am 23. Juni um 16 .40 Uhr übergab der deutsche Gesandte von Haniel in Versailles die Note mit der bedingungslosen Annahme. Am 24. Juni führte Noske in seinem Ministerium ein Gespräch mit mehreren Wehrmachtgeneralen, Regimentskommandeuren und Truppenführern. Diese erklärten, wenn er für die Annahme vor der Wehmacht einstehe, seien sie bereit, auf ihren Posten zu bleiben. Da scheute er sich auch in dieser Lage nicht, wieder Verantwortung auf sich zu nehmen und war bereit, auf seinem Posten zu bleiben. Er hatte nun die Annahme vor der Wehrmacht zu vertreten. Er verfasste einen Aufruf an die Reichswehr, in dem er ausführte, er habe sich für die Nichtunterzeichnung eingesetzt, sei aber überstimmt und sein Rücktrittsgesuch sei abgelehnt worden. Er fuhr dann u.a. fort:

In schwerster Gewissensnot hat die Regierung und die Mehrheit der Nationalversammlung gehandelt. Aus tausend Wunden blutet unser Land. Die Volksmassen sind durch jahrelange Leiden und Entbehrungen durch Hunger zermürbt und widerstandsunfähig gemacht worden. Millionen haben nur noch den einen Gedanken nach Erlösung von der Ungewissheit und nach Frieden. Der ganze Westen unseres Vaterlandes fürchtet den Einmarsch eines rachsüchtigen Feindes, dessen Brutalität und Unerbittlichkeit wir bis in die letzten Stunden hinein kennen gelernt haben und der sich nicht scheuen wird, Krieg und Verheerung in die deutschen Lande zu tragen. Neues unabsehbares Leid soll durch die Unterwerfung unter das Gebot der Feinde von unseren Volksgenossen abgewendet werden. .

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9 Von Kiel bis Kapp, S. 147 ff. , auch die folgenden Zitate
10 Craig, XI. 4; Noske, Erlebtes, S. 109 ff und Von Kiel bis Kapp, S. 153/54
11 Wette, S.483
12 Akten der Reichskanzlei a.a.O., Dokument N3 und Fußnoten dazu


 
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